Donnerstag, 9. Dezember 2010

Der Tod wieder mal


Sonntag, 28. November 2010

Eric fragt:

Obwohl Du in all deinen Büchern vom Tod gesprochen hast kann ich mich nur erinnern, dass du einmal die Furcht vorm Tod erwähnt hast um letztendlich zu sagen: Der Buddhismus kann nichts gegen unsere Angst vorm Tod tun. Und wäre unser Leben nicht irgendwie Scheiße ohne sie? Ich widerspreche dem. Wenn ich den Rest meines Lebens ohne diese markerschütternde Angst vor Nicht-Existenz verbringen könnte, wäre ich VIEL glücklicher. Als ich das gelesen habe nahm ich an, dass du dich auf die evolutionäre uns innewohnende biologische Angst beziehst, die die meisten von uns davor bewahrt so Sachen wie Russisch Roulette mit einem vollen Magazin zu spielen oder Rohrreiniger-Trink-Wettbewerbe mit den Kumpels zu veranstalten. Wenn es das ist was du meinst, bin ich voll deiner Meinung. Aber was ist mit der wesentlich existentielleren Angst – oder Übelkeit im Sinne Sartres – die aufkommt bei dem Gedanken an den eigenen Tod. Wenn ich mich ernsthaft mit der Tatsache konfrontiere, dass mein Bewusstsein in ein paar wenigen Jahrzehnten – im Höchstfall sechs oder sieben – ausgelöscht sein wird, reicht das um mich 1) vom Schlafen abzuhalten und 2) mich wirklich depressiv zu machen. Nun weiß ich, dass der Buddhismus sagt, dass wir dauernd sterben. Ich weiß, dass es kein essentielles Selbst gibt das über die Jahre eines Lebens hinweg eine stetige Einheit darstellt. Dennoch ist es verdammt erschreckend über das Nichts zu sinnieren. Also, schafft Zazen hier Abhilfe? Wenn es das tut, toll. Aber wenn es das nicht tut, warum sollte man lieber Zazen praktizieren als sich selbst mit Videospielen, wildem Sex und Alk auszulöschen. Oder was auch immer. Zu behaupten, dass die Übung ihr eigener Gewinn sei ist ja ganz fein und nett, aber wo ist der Sinn wenn sie uns weiterhin vor Schrecken und Traurigkeit angesichts der Allgegenwärtigkeit des Todes erbleichen lässt?”


Brad sagt:

Zazen wird dich nicht von deiner Angst vorm Tod befreien. Oder vielleicht doch. Aber Alk, wilder Sex und Videospiele werden es nicht. Wenigstens nicht so weit ich gehört habe. Obwohl ich nie wirklich Videospiele gespielt habe und ich es nicht mag betrunken* zu sein. Was wilden Sex angeht überlasse ich das den anderen Bloggern darüber zu spekulieren.

Aber ich mutmaße du meinst mehr allgemeine Ablenkung die dir behilflich ist, ernsthafte Sachen zu vergessen. Also sind das in meinem Fall eher Gamera-Filme, Pad Thai und... äh... wilder Sex (als ob...). Und Du fragst dich ob Zenpraxis deine Angst vorm Tod auf eine Weise endgültig auslöschen wird wie es solche zeitweiligen Lösungen nicht tun.

Ich kann dir nicht sagen was es für dich tun wird. Ich werde keine Garantien oder gar Versprechen geben. Ich kann nur sagen wie es für mich funktioniert hat.

Wie du fand ich, dass ich vom Tod entsetzt war. Als ich ein Teenager war realisierte ich, dass es in meiner Familie eine schreckliche Erbkrankheit gab die oft Menschen verkrüppelte und/oder tötete bevor sie das Alter erreichten das ich jetzt habe. Ich dachte ich hätte nicht lange zu leben und hab mir vor Angst in die Hosen gemacht.

Aber aus welchen Gründen auch immer habe ich meine Suche nicht so gestaltet wie es die meisten Menschen tun. Ich habe nicht nach einer Flucht vorm Leben gesucht. Als ich mich mit Religion befasst habe ging es nur um Flucht. Sie boten Möglichkeiten von denen sie sagten man könne von diesem Leben zu einem Leben im Himmel oder Krishna Loka oder an vielfältigen anderen Orten entkommen. Sie leugneten den Tod nicht. Sie waren besessen vom Tod. Aber sie leugneten das Leben. Was sie sagten klang für mich in etwa wie “tausche dein jetziges Leben für eine Chance auf etwas Wunderbares nach dem Tod”.

Sie ließen es so klingen als sei der Tausch vernünftig. Ich darf nur wenige Dekaden in dieser Welt leben. Aber das Leben danach, so sagten sie, sei für alle Ewigkeit. Also sollte ich jetzt ein fades, langweiliges, eingeschränktes Weißbrot und Butter-Leben fristen in der Hoffnung auf eine wirklich super fantastische Zukunft im Leben danach welches für immer andauern würde.

Das Problem war, ich konnte dem Leben nach dem Tod kein Glauben schenken. Die Beweise für dessen Existenz waren überhaupt nicht überzeugend.

Aber ich wusste ich lebe dieses Leben. Also ging mein Streben darum wie ich dieses Leben besser machen könnte. Es hat den Anschein, dass die meisten Menschen die danach suchen dieses Leben zu verbessern, sich auf die Jagd nach hedonistischer Vergnügung begeben. Drogen, Sex, Geld, materielle Dinge... diese scheinen wie der Weg zu weltlicher Glückseligkeit ohne Berücksichtigung irgendeines Glaubens an einem Leben nach dem Tod.

Dieses funktionierte für mich aus den weitestgehend selben Gründen ebenfalls nicht. Es gibt nicht sehr viele Beweise, dass Geld, Macht, Sex und dergleichen mehr wirklich zur Zufriedenheit führen. Ich war mir sehr wohl bewusst, dass es im exzessiven Leben solcher Leute wie Elvis Presley oder Howard Hughes alles gab was sie sich wünschen konnten und trotzdem waren sie unglücklich. Später kam Kurt Cobain der genau das tat von dem ich hoffte ich könnte es tun, nämlich eine beschissen bezahlte Karriere als Indie-Rocker in eine des super-berühmt-Seins zu verwandeln. Was hat es ihm gebracht? Dann begann ich in der Filmindustrie zu arbeiten und regelmäßig mit berühmten Leuten zu verkehren die absolut vollgestopft waren mit Kohle und ich sah, dass sie genauso unglücklich waren wie jeder andere auch.

Die Zenpraxis drehte sich um dieses Leben und wie man es besser machen konnte. Sie bot keine Zauberlösungen, was mich ansprach, denn ich glaubte eh nicht an die. Sie beschäftigte sich nicht mit Fragen des Jenseits, was großartig war, denn auch daran glaubte ich nicht. Sie verlangte ein angemessenes Maß an Entbehrung, aber nicht weil man Entbehrungen heute für eine Zukunft der Wunder im Paradies eintauschte. Sie empfahl ein gewisses Maß an Entbehrung weil es heißt, dass hinter Geld, Ruhm, Sex, materielle Güter und Macht her zu jagen nur unnötigen Stress ins Leben brächte, und es sich nicht auszahlen würde wenn du diese Dinge erlangst. Ich wusste, dass das wahr ist. Ich konnte es an mir selbst sehen.

Aber was ist nun mit der Angst vorm Tod. Was mit der Angst vor der zukünftigen Auslöschung?

Ich habe durch die Übung gelernt diese Angst besser zu verstehen. Ich begann zu sehen, dass die Wurzel dieser Angst eine Projektion meiner selbst in eine imaginäre Zukunft ist. Ich begann zu erkennen, dass es eine Angst vor Dingen ist, die genau Hier und Jetzt nicht real sind.

Das lindert die Angst vorm Tod nicht unbedingt. Wenn ich an die Möglichkeit des für- immer-Verschwindens von Brad Warner denke, gefällt mir das nicht wirklich. Aber ich verstehe auch, dass diese Angst komplett unvernünftig ist.

Was ich jetzt sagen werde mag wie Mystizismus klingen, aber nichtsdestotrotz. Wenn man einmal beginnt diesen Moment für das zu nehmen was es in diesem Moment wirklich ist, beginnt man zu verstehen, dass man niemals wirklich ausgelöscht werden kann in dem Sinne wie man es sich vorher vorgestellt hat. Was ich für „Brad Warner” halte ist ein Konstrukt meines Denkens. Es ist nicht real. Dennoch gibt es ein reales Etwas das auf eine mentale Konstruktion dessen was ich “Brad Warner” nenne basiert. Dieses Etwas kann nicht wirklich sterben da es nie wirklich geboren wurde. Jedenfalls nicht in dem Sinne wie wir für gewöhnlich meinen, dass Dinge geboren werden und sterben. Ja, Brad Warner wurde geboren und ja, Brad Warner wird sterben. Und dennoch ist er nicht nur ein individuelles Wesen. Er ist ebenfalls eine temporäre Erscheinung von Etwas so Unermesslichem und Unerkennbarem, dass es weder Anfang noch Ende hat.

Schräger Scheiss, was? Entschuldigung dafür.

Also gut. Ich habe immer noch Angst vorm Tod. Aber nicht sehr viel.

Ich vergaß ob es Shunryu Suzuki oder Dainan Katagiri war, aber beide starben an Krebs. Der eine oder andere von denen sagte gegen Ende seines Lebens “Ich will nicht sterben.”.

Ich habe gehört, dass diese Aussage einige ihrer Anhänger ausflippen ließ. Es implizierte, dass entweder a) ein erleuchteter Meister trotzdem Angst vorm Tod hat oder b) der Meister nicht wirklich erleuchtet war, weil ein erleuchteter Meister unmöglich Angst vorm Tod haben kann. Keine dieser Möglichkeiten war besonders attraktiv für diejenigen die ihr Vertrauen in diesen Meister gesetzt hatten, von dem sie dachten er sei erleuchtet und dem gemäß im Stande sie von ihrer Angst vorm Tod zu erlösen.

Aber ich glaube nicht, dass die Aussage eine Angst vorm Tod impliziert. Es impliziert lediglich, dass der Lehrer gerne länger gelebt hätte. Das ist nicht wirklich dasselbe. Und selbst wenn es bedeutet er hatte Angst vorm Tod, was ist so schlimm daran? Ich habe Angst vor Zahnarztterminen. Aber, dass bedeutet nicht, dass ich Angst habe danach nicht mehr zu existieren.

Ich habe früher auf Grund der Angst vorm Tod unter Schlaflosigkeit gelitten. Es hat mich unendlich genervt. Heutzutage ist es ungefähr so erschreckend wie, sagen wir mal, die Vorstellung einer Wurzelbehandlung. Es ist nichts was ich durchmachen möchte, aber es kostet mich keine schlaflosen Nächte.

Du musst allerdings verstehen, dass welches Maß auch immer ich erreicht haben mag um meine Furcht vorm Tod zu überwinden, ich den Jahren oftmals schwieriger Praxis schulde. Man überwindet nicht seine Furcht vor dem Tod in dem man einfach entscheidet keine Angst vorm Tod mehr zu haben. Es ist nicht so einfach. Wenn es das wäre, würde es jeder tun.


* Bin ich die einzige Person auf dieser Welt die betrunken sein als ein höchst unangenehmes Gefühl empfindet? Ich habe nichts gegen die Wirkung von einem Glas Wein oder Bier, aber wirklich betrunken zu sein fühlt sich für mich grauenhaft an, etwa wie krank sein.

Kommentare:

Claus Hampel hat gesagt…

Ich finde den Post sehr persönlich und nachdenklich.
Vielen Dank dafür.

Ich denke, jeder von uns hat seine eigene Vorstellungen und Meinung und natürlich auch Erlebnisse.

Ich selbst habe vor dem Tod keine Angst, eher vor dem Alleinsein oder davor, dass ich meine Familie in Stich lasse.

Ich glaube an ein Leben nach dem Leben. Aber nicht so eins, was ich immer wieder bestehen muss oder wo ich mich beweisen muss.

Ich glaube an Jesus, aber nicht in der Form, dass alles, was Firma Kirche tut und sagt stimmt oder nur im Ansatz richtig sein könnte.

Ich glaube daran, dass alles, was Jesus gesagt und getan hat für mein Leben bedeutend sein kann.

Davon können auch "Gläubige" oder "Erleuchtete" noch viel lernen.

Und ich glaube daran, dass alles wirklich wichtige in uns versteckt ist und wir es suchen dürfen.
Auch in unseren Mitmenschen.

Solche und andere Blogs und Beiträge zeigen mir, dass ich von vielen einzelne Stücke dazu bekomme, die vielleicht zu mir gehören.

Ich bin Du und Du bist Ich.
Schau mich an und ich schau dich an, was siehst Du? Mich? Oder Dich selbst?
Was siehst du, wenn du dich über mich ärgerst?
Meine Fehler ?
Oder deine Schwächen und Sorgen?

Was ist Wahrheit?
Gibt es die überhaupt?
Ich denke nicht.
Aber das ist schon wieder ein neues Thema und führt hier zu weit.

Ich empfehle hier einen Blog: http://gesundes-selbstwertgefuehl.de/

jutta hat gesagt…

ich denke, ohne das bewusstsein des todes kannst du gar nicht im augenblick leben.
was meinst du wieviele momente des ärgers, des frusts und der wut du dir ersparst (weil du dir darüber bewusst bist!), weil du genau weisst, es kann jederzeit deine letzte minute hier auf erden sein.
nur dann entwickelst du die fähigkeit gelassen dem täglichen stress und der abstumpfenden routine gegenüber zu treten.
das! ist eine wirkliche bereicherung.

es ist alles nur in deinem kopf. also erzähl dir ne andere story als "es kotzt mich an".
wenn du dir die hölle auf erden erschaffen kannst (die stimme in deinem kopf, die dir alles erzählt), dann leg einfach ne andere platte auf :).

Anonym hat gesagt…

Wird der Blog hier eigentlich noch aktualisiert?