Sonntag, 25. Mai 2008

MINDFULNESS SCHMINDFULNESS

Ich bin so froh, dass Nishijima Roshi einen Blog Eintrag über Achtsamkeit geschrieben hat. Es ist der Artikel vom 24 Mai, 2008, der Link schickt dich nämlich nur zu seinem Blog. Ich habe den ganzen Achtsamkeits-Kram auf jeden Fall ziemlich satt, von daher finde ich es wunderbar, dass ein anderer genauso darüber denkt. Und nein, wir haben niemals über dieses Thema gesprochen.

Schon neulich habe ich gesagt, dass ich den Achtsamkeits-Kult der heutzutage im Buddhismus herangewachsen ist gänzlich zerstören will. Wie Nishijima zeigt, hat das Wort "Achtsamkeit" die Bedeutung bekommen, sich immer tiefer den eigenen Kopf zu verbohren, was niemals Buddhismus ist. Ich glaube, ich habe schon mal darüber gelästert. Aber ich lebe in einem Meditationszentrum, wo verschiedene Lehrer unterrichten, und ich kann dir nicht sagen, wie oft ich schon in meinem Zimmer war und hörte, wie jemand über Achtsamkeit plapperte. Wenn ich dann, nachdem die Gruppe gegangen ist, aus meinem Zimmer komme, finde ich folgendes vor: die Tür ist unverschlossen, die Fenster weit offen und die Stühle überall kreuz und quer verteilt … Was zur Hölle lernen sie dort für eine Art von Achtsamkeit?

Es ist so ein Scheißwort. Egal, nur ein bisschen Werbung für Nishijimas Blog. Und wenn ich schon von Werbung spreche, schau dir hier die für die Zero Defex CD an.

26.05.08

NEUER SUICIDE GIRLS ARTIKEL (Mai, 2008)
und mehr über MINDLESS MINDFULNESS

(SINNLOSE ACHTSAMKEIT)

Hab einen neuen Suicide Girls Artikel veröffentlicht. Wieder einer über Pornos. Ich schwöre, ich werde irgendwann aufhören, immer wieder Artikel über dasselbe Thema zu schreiben. Vielleicht wenn die Leute mich nicht mehr danach fragen.

Gerade erst bin ich aufgewacht, also habe ich nicht vor noch mehr über Achtsamkeit zu erzählen, wenn schon vielleicht später. Die Sache mit den Wörtern im Buddhismus ist so, dass wenn die breite Öffentlichkeit sich an sie hängt und sie auf ihre Art definiert, dann sind die Wörter tot. Ich denke, es ist Zeit das Wort "Achtsamkeit" zu begraben. Es ist einfach nur noch abgedroschen. Und wie gesagt (siehe oben), zielt Achtsamkeit, wenn sie praktiziert wird auf einen nicht ganz klaren Zustand im Kopf des Denkens und Denkens und Denkens, während du dich selbst dazu beglückwünscht, wie achtsam du doch bist. Verschließ die Gott verdammten Türen und Fenster, wenn du das Haus anderer Leute verlässt!

An der einzigen Stelle, von der ich weiß, an der Dogen das Wort Achtsamkeit benutzt, sagt er,

"Achtsamkeit ist der Esel, der den Brunnen anschaut. Es ist der Brunnen, der den Esel anschaut. Es ist der Esel, der den Esel anschaut. Es ist der Brunnen, der den Brunnen anschaut."
Er sagt außerdem,
"Ohne zu wissen, wer es dir lehrte, denkst du, dass das Bewusstsein eine Funktion des Gehirns ist. Wenn ich sage, dass das Bewusstsein Gras und Bäume ist, glaubst du es nicht."
Und selbstverständlich gebrauchte Dogen das Wort "Achtsamkeit" überhaupt nicht. Ebenso Buddha. Das Wort existierte zu ihrer Lebenszeit nicht einmal. Die englische Sprache selbst existierte nicht einmal zur Zeit Buddhas. Später werde ich das japanische Wort nachschlagen, das Dogen benutzte, und das hier von Nishijima/Cross als "Achtsamkeit" übersetzt wurde*.

Das Ding ist aber, dass die "Achtsamkeit", die heutzutage gelehrt wird, zu implizieren scheint, dass wir achtsam sein müssen. Als ob wir irgendwie über Achtsamkeit verfügen könnten. Nee. Das geht nicht. Achtsamkeit ereignet sich ständig, wir müssen ihr aus dem Weg gehen.

* (Einige Stunden später von Brad W. hinzugefügt. Anm.d.Red.) Sieht so aus, als ob ich einen Fehler gemacht habe! Zum ersten Mal in meinem ganzen Leben (Hallo Trolle)! Ich dachte immer, in der Esel-Brunnen Zeile ginge es um Achtsamkeit. Ich habe es sogar so in mein Buch Sit Down And Shut Up geschrieben. Das beweist, dass man niemals dem trauen kann, was in Büchern steht! Blamabel!!

In Wahrheit steht der Esel-Brunnen Kram im Kapitel "Erzeugt kein Unrecht" (諸悪莫作 SHOAKU MAKUSA, Kapitel 10, Buch 1 der Nishijima Übersetzung des Shobogenzos) und lautet:

[Die Beziehung] zwischen dem "Unrecht" und dem "Es-nicht-Erzeugen" ist nämlich nicht [einseitig]. Wenn es so wäre, würde der Brunnen nur den Esel anschauen, [wenn sie sich begegnen,] aber der Brunnen schaut auch den Brunnen an, der Esel schaut auch den Esel an, der Mensch schaut auch den Menschen an, und der Berg schaut auch den Berg an. ( Zitiert aus: Shobogenzo, Band 1, Kristkeitz Verlag)
Nishijima erklärt das Kapitel in seinem Blog genau hier.

Dies bezieht sich auf einen Koan, der im Eihei Koroku steht (永平禅師語録 Die aufgezeichneten Worte von Eihei Zenji, auch bekannt als Dogen). Der Koan lautet:

Meister Sozan fragte einst einen Mönch: "Wie ist es, wenn der Dharma Körper der Realität, Form in Übereinstimmung mit den Lebewesen manifestiert, so wie der Mond im Wasser gespiegelt wird?" Der Mönch sagte: "Es ist wie ein Esel, der einen Brunnen anschaut". Sozan sagte: "Du hast ziemlich viel gesagt, aber du hast nur 80 Prozent darüber gesagt" Darauf fragte der Mönch: "Meister, was sagst du?" Sozan antwortete: "Es ist wie der Brunnen, der den Esel anschaut."
Die einzige Stelle, die ich finden kann, in der Dogen sowas wie das Wort "achtsam" benutzt, taucht im Zazengi (坐禅儀) auf, "Anleitung zum Zazen". In der Übersetzung von Kazuaki Tanahashi, welche im Buch Moon In A Dewdrop erschienen ist, heißt es, "sei achtsam auf die vorübereilende Zeit." Ich habe es überprüft. Die original Zeile ist Folgende: 光陰を護惜べし. Carl Bielefeldt übersetzt dies als, "schätze den Wert der vorübereilenden Tage und Nächte hoch." Die beiden Wörter 光陰 und 護惜 sind nicht mehr im allgemeinen Gebrauch. 光陰 Bedeutet ungefähr, "Licht und Dunkelheit". Und nur nebenbei, für die unter euch, die denken ich hätte einen verdorbenen Charakter, zufällig kenne ich das Schriftzeichen aus dem Wort 陰毛, was Schamhaar heißt, oder wörtlich "Haar in der Dunkelheit". Das Wort 護惜 ist eine Kombination aus zwei Schriftzeichen, die "schützen" () und "kostbar" () bedeuten. Das ist das Wort, das Tanahashi als "achtsam" übersetzt. Es ist nicht so weit hergeholt, wie die Übersetzung Brian Victorias von Kodo Sawakis Äußerung "wir hatten es satt zu töten" mit "wir konnten nicht genug vom Töten kriegen". Es ist eine kleine, aber dennoch völlig akzeptable, Übersteigerung hier das Wort "achtsam" zu verwenden.

Pass darauf auf, nicht an Worten festzukleben (sagt ein Typ, der gerade ein paar Stunden seines Urlaubs dem Nachschlagen einiger Wörter gewidmet hat). Sagt nicht, ich hätte nie etwas für euch nachgesehen!

28.05.08
Achtsamkeit (zum tausendsten Mal)

Mein Gott! Ich habe mich zwei Mal geirrt! Die ersten beiden Male in meinem ganzen Leben in denen ich einen Fehler gemacht habe! Was ist nur los?

Danke an Ted Biringer und Dosho Port für das Auffinden weiterer Stellen, an denen das Wort "Achtsamkeit" oder Ähnliches in Dogens Schriften noch auftaucht. Die längste und vollständigste Erklärung, die er darüber gibt, bietet das Kapitel SANJUSHICHI-BON BODAI BUNPO 三十七品菩提分法. Dies ist das Kapitel 73 des 95 Kapitel-Shobogenzo und erscheint als das erste Kapitel im 4 Buch der Nishijima/Cross Übersetzung oder im Kapitel 1 von Buch 10 in der Shobogenzo Übersetzung Nishijimas ins moderne Japanisch. 現代語訳正法眼蔵, welches auch Dogens tatsächliche Worte enthält).

Hier ein bisschen von dem, was Dogen sagt:

"Bewusstheit" als eine Wurzel ist eine Ansammlung roten Fleisches, [ein Mensch, der] wie ein kahler Baum ist. Eine Ansammlung roten Fleisches nennen wir "einen kahlen Baum", und ein kahler Baum zu sein, ist die Wurzel der Bewusstheit. Ihr seid diese Bewusstheit, wenn ihr euch selbst im Dunklen ertastet. Es gibt eine Bewusstheit des Körpers und eine Bewusstheit, in der ihr euch euer selbst nicht bewusst seid. Es gibt eine Bewusstheit, in der Gedanken und Empfindungen auftreten, und eine Bewusstheit, in der ihr euch eures Körpers nicht bewusst seid.
Bewusstheit [oder die natürliche Fähigkeit, in der Gegenwart zu sein,] ist ohne Zweifel die Lebensgrundlage aller Menschen auf der ganzen Erde, und sie ist die Lebensgrundlage aller Buddhas der zehn Richtungen. In einem Augenblick der Bewusstheit mag es viele Menschen geben, und in einem Menschen gibt es viele Augenblicke der Bewusstheit. Dennoch gibt es Menschen, die Bewusstheit haben, und solche, die sie nicht haben. Ein Mensch lebt nicht unbedingt im Zustand der Bewusstheit und die Bewusstheit selbst hat nicht unbedingt etwas mit einem Menschen zu tun. Selbst wenn dies so ist, ist die Tugend der vollkommenen Verwirklichung da, wenn ihr in der Lage seid, eure natürliche Bewusstheit zu bewahren. ( Zitiert aus: Shobogenzo, Band 4, Kristkeitz Verlag)
Das Wort, das in der (engl.) Nishijima/Cross Übersetzung als Mindfulness übersetzt wird, ist 念. (In der deutschen Kristkeitz Übersetzung "Bewusstheit", Anm. d. Red.). Im modernen Japanisch wird dieses Zeichen "nen" ausgesprochen und bedeutet Sinne, Ideen oder Bewusstheit, Gewahrsein. Im gewöhnlichen Gebrauch erscheint es in Worten wie 残念 (zanen) "bedauerlich", bei dem sich das erste Zeichen auf Dinge bezieht, die gewöhnlich als fehlend gedacht werden oder 念入り (neniri) "vorsichtig" bei dem das zweite Zeichen in etwa "hinzufügen" oder "eintreten" bedeutet. Im nicht buddhistischen Kontext wird das Wort gewöhnlich nicht als Mindfulness übersetzt. "Mind", ohne "-fulness" ("Geist", ohne "-Anfüllung/Fülle") könnte auch eine gute Lesart für sein. Versuchs mal auf diese Weise und schau, was es dir sagt. Ist ein bisschen anders, oder?

Falls du es kompliziert magst, das chinesische Zeichen besteht aus zwei Teilen. Das Zeichen oben bedeutet "jetzt", während das unten "Mind" (Geist) oder "Herz" bedeutet. Im buddhistischen Kontext wird im Englischen meist als "Mind" übersetzt. Also, wer auch immer sich das Zeichen erdacht hat, schien wohl den Zustand des Geistes genau im Jetzt herauszustellen zu wollen. Wofür auch immer meine Sprachanalyse gut sein soll, sie ist nicht viel wert. Nur ein bisschen Kanji Spielerei für euch alle. Nishijima erzählte mir einst die Geschichte, wie er einen Bibelgelehrten in Israel besuchte. Der Besuch, sagte er, zeigte ihm "die Gefahren des Glaubens an alte Texte." Wir verfangen uns in Streitereien um Wörter, die unglaublich blöd sind, selbst wenn sie sich verdammt schlau anhören.

Der Punkt ist, dass das Wort "Mindfulness" im aktuellen Gebrauch, solch ein unsinniger Begriff geworden ist, dass er mehr schadet als nützt. Es ist Zeit ihm die Luft raus zulassen und ihn aus seinem Elend zu stoßen.

Fuck mindfulness.

Meine Freundin Tonen erzählte mir die Geschichte, dass, während sie in Japan war, ihr ein Zen Meister, den sie dort traf, erzählte, dass Amerikaner, die seinen Tempel besuchten, sich bei ihm immer überschwänglich darüber ausließen, wie achtsam sie doch wären. "Steckt eure Video Kameras weg," sagte er ihnen, "Ihr nehmt euch nur selbst beim achtsam sein auf!"

Beim Lesen von dem, was Dogen schrieb, wird klar, dass das Wort weitestgehend missverstanden wurde, sogar zu seiner Zeit unter den Leuten, zu denen er sprach. Deswegen versuchte er ihr gewöhnliches Verständnis des Wortes auf eine Weise zu verdrehen, wie sie es nicht erwartet hätten.

Auf jeden Fall enthält dasselbe Kapitel die Zeile, "Höre nicht auf die ungenügenden Worte von Zen Meistern und dergleichen." Da habt ihr's!

Kommentare:

Sonja hat gesagt…

Ich bin der Meinung, dass "Achtsamkeit" heutzutage für jeden billigen Wellnessartikel herhalten muss.
Wer nachlesen will was Dogen meint, der sollte folgende Seite besuchen: http://www.dogen-zen.de/cgi-bin/zen?content=show_text&nr=9

Anonym hat gesagt…

Du liegst ganz schön daneben. Wozu Dogen bemühen? Hast du denn keine eigene Erfahrung, von der du ausgehen kannst? Wörter sind Wörter und treffen nie das, was gemeint ist.
Wenn du deinen Atem beobachtest oder deinen Körper in Bewegung,-falls du dich mit so "abgedroschenenen Übungen " überhaupt noch abgibst, wie fühlst du das? Bist du dabei "achtsam" oder brauchst du das nicht zu sein?