Mittwoch, 21. Februar 2007

ZU GUT

In der Kommentarspalte meines neusten Artikels für Suicide Girls habe ich diesen Text hier veröffentlicht. Der SG Artikel endet mit dem folgenden Absatz:

„Ich würde niemals behaupten, ich hätte Die Antwort für das Problem der Depression. Aber ich kann sagen, was mir geholfen hat, und was mir immer noch hilft. Es ist keine so einfache und schnelle Lösung wie jeden Tag ein paar Pillen zu schlucken. Aber auf lange Sicht ist es besser zu lernen, wie man mit sich selbst umgeht, anstatt die ganze Arbeit Medikamenten zu überlassen. Zumindest wirst du so nie vergessen, dein Rezept einzulösen. Dennoch, die Lösung, die mir geholfen hat, erfordert es, sich gegen das zu entscheiden, was die meisten Menschen als „normale“ Lebensweise und „normalen“ übermäßigen Luxus betrachten. Wenn du bereit bist, dieses Opfer zu bringen, wirst du sehen, dass es eigentlich gar kein Opfer ist.“

Auf der Suicide Girls Seite ärgerten sich einige Leute über meine Haltung gegenüber Medikamenten als Mittel zur Behandlung von Depressionen. Obwohl ich dachte, mein Text wäre sehr klar, und obwohl einige der Kommentierenden es verstanden haben, habe ich beschlossen, trotzdem einige klärende Worte hinzuzufügen.

Aber bevor du anfängst zu lesen, möchte ich darauf hinweisen, dass ich nicht daran interessiert bin über den Wert der von Psychiatern verschriebenen Medikamente zu diskutieren. Über das Thema wird schon genug diskutiert. Langweilig! Wenn du darüber debattieren willst, ist das in Ordnung. Erwarte nur nicht, dass ich in die Diskussion einsteige.

Ich bin jedoch an Meister Nishijimas Idee interessiert, der zufolge manche Dinge “zu gut” sind. Und das ist es, worüber ich hier einen Kommentar schreiben möchte. Hier nun (mit ein paar kleineren Veränderungen) das, was ich geschrieben habe:

•••••••••••••••••••

Als ich die Zeile schrieb, dass Zazen besser gegen Depressionen hilft, als Pillen zu schlucken, stellte ich mir keine Person mit lähmender, ernster Depression vor, die erst zu den Medikamenten greift, nachdem alles andere erfolglos war. Manchmal ist die medikamentöse Lösung der einzige Weg, um mit einem Problem umzugehen, das zu ernst geworden ist, als dass man es auf anderem Wege behandeln könnte. Wenn ich einen Autounfall hätte, oder man bei mir Krebs diagnostizieren würde, würde ich einen Arzt sehen wollen, und keinen Zen Meister.

Aber bei dem Haufen Geld, das die Pharmakonzerne in die Entwicklung von neuen Märkten für ihre Mittelchen stecken, sieht es für mich oft so aus, als ob eine ganze Generation von Amerikanern darauf hereingefallen ist, zu glauben, sie könnten unmöglich ihr Leben bewältigen, ohne ihre Gehirnchemie künstlich zu verändern. Die Werbung für diese Stärkungsmittel lässt es so klingen, als ob jeder Fall eines existentiellen Überdrusses nach einer Dosis Prozac® oder Paxil® schreit, damit du ja nicht beginnst, die Gesellschaft infrage zu stellen, in die du dich dank der Medikamente erfolgreich einfügen sollst.

Dennoch ist es mir nicht möglich zu erkennen, was die Leute bewegt, die sich über das, was ich gesagt habe aufgeregt haben. Vielleicht waren sie unter den seltenen Fällen, deren Lage so ernst ist, dass Medikamente die wirkliche einzig vernünftige Lösung waren. Ohne sie würden diese Leute vielleicht ihre Schule zusammenschießen oder Pop Stars und Politiker entführen. Ich weiß es nicht. Ich kann es nicht beurteilen.

Ich kann nicht über andere sprechen. Aber Folgendes kann ich über mich sagen. Ich bin dankbar dafür, dass ich durch meine Pubertät kam, bevor Antidepressiva vollständig entwickelt waren, und dass ich in meinen Zwanzigern zu arm war, um mir eine psychiatrische Behandlung zu leisten, denn ich habe keinen Zweifel daran, dass man mir Medikamente verschrieben hätte, um meine Depression zu lindern. Wäre ich diesen Weg gegangen, wäre ich vielleicht niemals dazu gezwungen worden, nach dem tieferen Grund meines Leids zu suchen.

Ich bezweifle nicht die Wirksamkeit der medikamentösen Behandlung. Aber zu sagen, sie sei wirkungsvoll, bedeutet, dass sie die erwünschte Wirkung erzielt. Ich frage mich, ob der Effekt, den wir uns wünschen, immer das ist, was wir wirklich brauchen. Ich war es gewohnt, in fast wöchentlicher Regelmäßigkeit an starken Kopfschmerzen zu leiden. Hohe Dosen an Ibuprofen waren eine effektive Gegenmaßnahme. Ich nahm die Pillen und der Schmerz verschwand. Mein Vertrauen auf die magische Lösung der Advil Korporation hielt mich davon ab, mich um die wahren Ursachen meiner Kopfschmerzen zu kümmern. Außerdem machte es meine Kacke hart wie Stein, eine Auswirkung, mit der ich selbst heute noch zu tun habe. Die tolle Werbung im Fernsehen scheint das niemals zu erwähnen, oder?

Erst als ich damit aufhörte, so viel Medikamente zu nehmen und anfing zu versuchen, an das wahre Problem zu kommen, war ich dazu imstande, die Probleme zu lösen, die wirklich gelöst werden mussten. Es gibt Zeiten, in denen Schmerz, gerade emotionaler Schmerz, ein Signal dafür ist, dass etwas Wichtiges direkt angegangen werden muss. Meine Erfahrung ist, dass Medikamente sehr effektive Mittel sein können, die Konfrontation mit dem, was wirklich schief läuft, zu vermeiden.

Einmal, als mein Zen Lehrer, Meister Nishijima, seinen Rücken verletzt hatte, brachte einer seiner Schüler ein Ding mit, das wie ein Heizkissen aussah und das dazu bestimmt war, eine Art von heilender elektrischer Energie in die Muskeln zu schießen. Nachdem der Schüler ihn lange Zeit bearbeitet hatte, probierte Nishijima das Gerät schließlich aus. Sein Urteil war, dass die Maschine „zu gut“ war, und er es bevorzugen würde, die Verletzung auf natürliche Weise heilen zu lassen. Ebenso denke ich, dass die meisten unserer Medikamente „zu gut“ sind. Sie sind gut, wenn du eine schnelle Hilfe für ein sehr ernstes Problem brauchst. Aber wann immer es möglich ist, ein natürlicheres Verfahren anzuwenden, ist dies immer besser. Selbst wenn es länger braucht und weniger „effektiv“ erscheint – was bedeuten würde, dass die Lösung nicht genau das ist, was wir uns gewünscht oder vorgestellt haben.

Link zum Originaltext


Samstag, 17. Februar 2007

Depression - Weg zum Überleben?

Am Montag den 12. Februar veröffentliche die LA-Times einen interessanten Artikel, mit der Überschrift: „Die Entwicklung des Verstandes“. Der Untertitel lautete, „Depression als Weg zu überleben?“ Wie ich in einem früheren Artikel erwähnte, habe ich selber fast mein ganzes Leben lang mit Depression zu tun gehabt, und bin am Ende zu ein paar Schlussfolgerungen darüber gekommen, die ziemlich ungewöhnlich erscheinen. Deswegen wollte ich unbedingt lesen, was die Leute von der LA-Times zu diesem Thema zu sagen hatten. Anscheinend gibt es einen neuen Trend in der Psychologie, der annimmt, dass Depression eine evolutionäre Anpassung sein könnte, also etwas, das unsere Urahnen entwickelt haben, um zu überleben. Das ist ganz schön revolutionär, da Depression bis heute ja hauptsächlich als eine Krankheit betrachtet wurde, die geheilt werden muss.

Gemäß dem Artikel sagt Dr. Matthew C. Keller vom Institut für psychiatrische Genetik und Verhaltensgenetik Virginia in der August Ausgabe des Journals der Persönlichkeits- und Sozialpsychologie, Depression könnte dazu dienen, einer Person zu signalisieren, „aufzuhören Energie zu verschwenden, und Kraft zu sparen, wenn sich eine Situation als nicht erfolgversprechend erwiesen hat.“ Diese Gelehrten mit ihren großen Worten! Kurz gesagt, hörten die Neandertaler und Australopithecinen einfach auf, Brontosaurier zu jagen, als sie diese nicht mehr fangen konnten, weil die sich ins Wasser zurückgezogen hatten, und nur noch mit den Köpfen heraus schauten, und konzentrierten sich stattdessen auf landbewohnende Stegosaurier, um ihr Überleben zu sichern. Diese Tendenz, depressiv zu werden, wenn Dinge falsch laufen, wurde dann bis an uns, ihre entfernten Nachkommen, weitervererbt. So ungefähr jedenfalls.

Als sich die Menschheit weiterentwickelte, und ihre eigene Umwelt drastisch veränderte, wurde das, was einst einen gesunden Zweck erfüllte und sie am Leben erhielt, zu einer Krankheit. Stephen S. Ilardi, ein Professor der Psychologie an der Univ. von Kansas, dessen Namen ich mag, weil er sich wie Ghoulardi anhört, der legendäre Horror Film Anbieter aus Cleveland, sagt: „Es gibt immer mehr Beweise dafür, dass wir niemals für diese sitzendende, sozial isolierte, von Schlafmangel und schlechter Ernährung geprägte, rasende Lebensweise gemacht wurden“.

Daniel Nettle, ein Psychologie Professor an der Univ. von Newcastle in England sagt: “Für unsere Vorfahren war es sehr nützlich ihren Impulsen spontan und voller Elan zu folgen.” Doch heute ist es so einfach jede x-beliebige Laune zu befriedigen, dass sich diese Art Nachgiebigkeit schnell in eine Krankheit verwandelt. Moderne Probleme wie Sucht sind das Resultat. Der Ur-Mensch hatte wenig Gelegenheit nach irgendetwas süchtig zu werden, weil es so schwierig war, eine angenehme Erfahrung immer wieder zu wiederholen. Was aber haben wir mit unseren hoch entwickelten Hirnen anderes gemacht, als herauszufinden, wie wir unsere verschiedenen Begierden befriedigen können? Übertrieben schlau zu sein, macht sich eben nicht immer bezahlt.

Vieles von dem macht Sinn, wenn ich mir meine eigenen vergangenen depressiven Phasen anschau, und wie ich heute damit umgehe. Ich durchwanderte lange Zeiten immer schlimmer werdender Depression, die schließlich kurz vor dem Punkt, an dem ich soweit war, mich in den entgegenkommenden Verkehr zu schmeißen, von selbst verschwand. Zu der Zeit schien es, als käme die Depression aus dem Nichts, würde sich dann immer weiter und weiter steigern, bis sie, aus Gründen, die ich nicht verstehen konnte, verschwand. Es war nicht so, dass ich mich, nachdem sie weg war, total großartig gefühlt hätte. Ich war einfach wieder normal, obwohl dieses Normalsein zu dieser Zeit sehr düster für mich war.

Obwohl ich damals glaubte, die Phasen tiefster Depression kämen ohne irgendeinen Grund, war es in Wirklichkeit so, dass ich einen sehr beschissenen Lebensstil führte. Ich war es gewöhnt tagelang wenig zu schlafen, zu viel zu trinken, Drogen zu nehmen, Billigfraß zu essen, nichts Körperliches zu tun und mich selbst kirre zu machen, indem ich versuchte, alles Mögliche auszuprobieren, was mir Werbung, Freunde und die Gesellschaft im Allgemeinen erzählten, was ich absolut ausprobieren müsste, damit mir ja nichts Entscheidendes entgehen würde. Es kostete eine Menge Arbeit, um schließlich zu erkennen, dass dies keine Art zu leben war. Der Grund, warum ich nicht erkannte, dass mein Lebensstil schlecht für mich war, lag darin, dass unsere Gesellschaft im Allgemeinen darin versagt zu erkennen, dass der Lebensstil den sie als „normal“ ansieht, alles andere als normal ist – außer vielleicht in dem Sinne, dass „normal“ auch „allgemein üblich“ bedeutet. Könnte es sein, dass der Hauptgrund dafür, dass die Menschen heutzutage denken, sie bräuchten so viele Drogen, der ist, dass wir unsere Körper dazu zwingen unseren falschen Vorstellungen, wie das Leben gelebt werden sollte, zu entsprechen?

Auch heute gerate ich noch in depressive Phasen. Aber ich bin mir viel bewusster, wo sie herkommen und was ich tun muss, wenn sie kommen. Das heißt nicht, dass ich immer eine einfach erklärbare Ursache bestimmen kann. Es läuft intuitiver ab. Wenn ich zu sehr absacke, wird es Zeit mein Leben wieder zu normalisieren. Mehr Zazen ist immer eine große Hilfe. Denn was immer der Auslöser für die Depression ist, die Hauptursache dafür, dass sie bis zu dem Punkt anwächst, an dem sie wirklich problematisch wird, ist, zu viel nachzudenken. Der einzige Weg das Problem zu lösen, ist nicht zu viel zu denken.

Der Grund dafür, dass so viele von uns sich selbst andauernd so depressiv machen, ist der, dass wir uns in Gedanken stetig vor uns selbst definieren. Einer der besten Wege sich selbst zu definieren, ist der, dein angeblich einzigartiges Selbst mit Sachen zu vergleichen, die dein Selbst nicht mag. Deshalb sind Depressionen, Traurigkeit und Frustration sehr wirkungsvolle Wege die Illusion eines Selbst aufrecht zu erhalten. Ich denke ich bin deprimiert, also bin ich. Wenn du wirklich daran interessiert bist diesen Kreislauf zu durchbrechen – und die meisten Leute sind es nicht – dann ist es notwendig, die Idee eines „Selbst“ fallen zu lassen. Dies zu tun ist sehr, sehr schwer, denn uns wurde beigebracht, dass es sehr wichtig ist, dieses „Selbst“ zu definieren und zu erhalten. Wir haben Angst, wenn wir uns nicht ständig selbst definieren, könnten wir völlig verschwinden. Eine interessante Sache, die du in der Zazen Praxis lernst, ist, dass wenn du damit aufhörst, dich vor dir selbst zu definieren, sich nichts Wichtiges wirklich ändert – außer das du dich sehr viel besser fühlst.

Eine andere wichtige Sache ist Disziplin. Es gibt die weitverbreitete falsche Vorstellung, der Buddhismus sei eine nachgiebige Philosophie der Beliebigkeit, à la „erlaubt ist, was gefällt“ oder „alles geht“. Tut mir Leid eure Seifenblase platzen zu lassen, aber der Buddhismus ist nicht, noch war er jemals, eine „Erlaubt-Ist-Was-Gefällt-Philosophie“. Denn schon damals zu Buddhas Tagen führte der einfache Zugang zu verschiedenen Formen von Luxus zu großen Problemen. Im 21 Jh. sind diese Probleme zu krisenhaften Dimensionen angewachsen. Traurigerweise neigen einige buddhistische Anführer trotz all dem dazu, das Wort Disziplin in beschwichtigenden Tönen zu äußern, aus Angst, sie könnten die Massen verscheuchen. Diszipliniert zu sein heißt nicht immer, aufzugeben, was du gerne machst, aber es bedeutet zu lernen, wie viel zu viel ist.

Einer der großen Wendepunkte bei meinen Kämpfen mit der Depression kam, als ich anfing, regelmäßig an Zen Sesshins teilzunehmen. Bei einem Sesshin wirst du gezwungen einen sehr disziplinierten Lebensstil zu führen – Aufstehen um 4 Uhr 30, gefolgt von einem festen Zeitplan an Zazen und Arbeitsperioden, und selbst die Essenspausen folgen einem reglementierten Muster. Dem gibst du dich voll hin, und für eine festgelegte Zeit unterwirfst du dich Regeln, die weder angenehm noch einfach sind. Jetzt sollte ich dazu sagen, dass die Sesshins, an denen ich teilnahm, und die, die ich selber leite, an einem gewissen Standard gemessen sehr anspruchslos sind. Ich bin mir nicht sicher, wie hart du dich selbst antreiben musst. Wenn du es ehrlich und ernst meinst, dann ist ein Bisschen genug.

Weit entfernt davon mich gefangen zu fühlen, fühlte ich mich bei diesen Sesshins freier denn je in meinem Leben. In meinem gewöhnlichen Leben vermisse ich diese Art der Disziplin in einem Umfang, dass ich mir sie sogar selbst auferlege, wenn ich das eigentlich gar nicht müsste. Ich arbeite von zuhause, ohne festgelegten Zeitplan. Es wäre leicht für mich, lange aufzubleiben und mir die Nacht um die Ohren zu schlagen, und irgendwann aus dem Bett zu rollen, nach dem die Sonne heiß geworden ist. Aber ich mach’s nicht. Auch wenn ich zu Hause keinen Zeitplan wie bei einem Sesshin einhalte, so folge ich doch so weit wie möglich einem festgelegten Muster.

Natürlich weiß jeder, wie militaristische Disziplin im Namen der Religion zu allen Arten von abscheulichen Aktivitäten von Sekten geführt hat, Massen Tötungen und seltsame Haarschnitte. Das ist der Grund, warum Du kein Vollidiot sein darfst: Es gibt einen Unterschied dazwischen einem disziplinierten Lebensstil zu folgen, und Verantwortung für deine eigenen Handlungen an Leute abzuschieben, die offensichtlich wahnsinnig sind. Lern den Unterschied zu erkennen.

Ich würde niemals behaupten, ich hätte Die Antwort für das Problem der Depression. Aber ich kann sagen, was mir geholfen hat, und was mir immer noch hilft. Es ist keine so einfache und schnelle Lösung wie jeden Tag ein paar Pillen zu schlucken. Aber auf lange Sicht ist es besser zu lernen, wie man mit sich selbst umgeht, anstatt die ganze Arbeit Medikamenten zu überlassen. Zumindest wirst du so nie vergessen, dein Rezept einzulösen. Dennoch, die Lösung, die mir geholfen hat, erfordert es, sich gegen das zu entscheiden, was die meisten Menschen als „normale“ Lebensweise und „normalen“ übermäßigen Luxus betrachten. Wenn du bereit bist, dieses Opfer zu bringen, wirst du sehen, dass es eigentlich gar kein Opfer ist.


Der Text wird an folgender Stelle weiterbehandelt:

ZU GUT

Samstag, 30. Dezember 2006

Bist du glücklich?

Frohes neues Jahr! Ich weiß, dafür ist es vielleicht ein paar Tage zu früh, also frohes Jahresende. Das Jahresende ist die Hochsaison für Depressionen. Und da ich darum gebeten wurde, über Depressionen zu schreiben, scheint genau jetzt die richtige Zeit dafür zu sein.

Den größten Teil meines Lebens war ich fast immer sehr depressiv. Als ich herausfand, was Selbstmord war, stellte ich mir vor, wie ich ihn am besten begehen könnte. Ich erinnere mich daran, düstere Gedanken gehabt zu haben, mir kurz vor der siebten Klasse das Leben zu nehmen. Mit Depressionen kenne ich mich also aus.

Ich hasse Leute, die dir erzählen, wie sie mithilfe einer Religion Depressionen, Alkoholismus, Ziellosigkeit, Haarausfall, Skorbut oder was auch immer heilten, und dann versuchen, dich für diese Religion zu gewinnen. Also, welchen Eindruck du auch immer von diesem Artikel bekommen magst, denke bitte nicht, dass ich das hier tue. Für mich ist es kein Problem, falls du dich nicht für Zazen interessierst. Ist halt dein Pech.

Egal. Als ich mein Abitur machte, war ich ein super-depressiver Typ. Und natürlich hatte ich allen Grund dazu. Ich war ein hässlicher und unbeholfener Versager ohne Zukunft. Und als sei dies noch nicht schlimm genug gewesen, beabsichtigte Ronald Reagan - das war jedem klar - uns noch vor dem Ende der 80’er in den totalen, globalen Atomkrieg zu führen, während ein Haufen verräterischer Ex-Hippys Koks sniffte und reich wurde. Das war kein Witz. Ich war mir dessen absolut sicher. Also dachte ich die Frage sei nur die, mich entweder jetzt umzubringen, oder meine Tage mit in ihren Höhlen zerschmolzenen Augäpfeln und meinen an der Wand hängenden Schatten zu beenden.

Ich war ein Pessimist ersten Ranges. Ich denke, das war eines der ersten Dinge, die mich am Buddhismus faszinierten. Es schien, wie das Äußerste an Pessimismus. Buddhas Botschaft beginnt mit „Alles Leben ist Leiden“. Was könnte ansprechender für einen Pessimisten sein? Bei den ersten Versuchen Westlern den Buddhismus zu erklären, wurde dieser oft als streng pessimistisch als auch völlig nihilistisch dargestellt. Es war allerdings ein großes Rätsel, warum die Anhänger einer solch deprimierenden Religion so glücklich sein konnten. Warum liefen sie ständig lächelnd umher, anstatt einfach irgendwo von einer Brücke zu springen? Tatsächlich ist der Buddhismus nicht im geringsten pessimistisch und hat nicht das Mindeste mit Nihilismus zu tun.

Die angeblich pessimistische Sicht des Buddhismus hängt mit seiner Bewertung der idealistischen Sichtweise zusammen. Durch die Brille der Gedanken und Vorstellungen gesehen, ist alles im Leben Leiden oder, um eine genauere Übersetzung des originalen, von Buddha benutzten, Pali Wortes zu geben – „Dukkha“ – alles Leben ist unzufrieden stellende Erfahrung. Dein tatsächliches Leben kann nie und nimmer mit deiner Vorstellung zusammenpassen, wie es sein sollte. Sogar deine glücklichsten Erfahrungen werden überschattet von dem Wissen, dass sie irgendwann vorbeigehen werden. Diese Anschauungsweise hört sich echt deprimierend an.

Aber es gibt einen recht einfachen Ausweg. Buddha betrachtete sein Leben und entdeckte etwas, das viele von uns während ihres ganzen Lebens nicht einmal bemerken. Wir leben nicht in unseren Gedanken und Vorstellungen. Wir leben in der Realität und die Realität ist vollständig außerhalb unserer Gedanken und Vorstellungen. Egal wie wir das Leben das wir leben beschreiben, diese Beschreibung ist nur ein Gedanke. Wie mies du dein Leben auch finden magst, dein Leben ist nicht der Gedanke, den du über dein Leben denkst. Es geht nicht darum schlimme, depressive Gedanken auszulöschen. Es geht darum zu verstehen, was deine Gedanken eigentlich sind.

Das hört sich einfach an, ist es aber nicht. Dies nur intellektuell zu verstehen, wird dir wenig helfen. Du musst es „durch Praxis lernen“, um es mit den Worten Dogens zu sagen.

Lass mich versuchen, ein Beispiel zu geben, wie das funktionieren kann. Nehmen wir mal an du verbringst deinen Weihnachtsurlaub mit der Familie. Wenn deine Familie so wie meine ist, dann gibt es keine Möglichkeit, jemals eine Beschäftigung zu finden, mit der alle einverstanden sind. Also endet man beim kleinsten gemeinsamen Nenner und wählt etwas, das zumindest nicht von allen völlig gehasst wird. Nun befindest du dich also in einem hässlichen, langweiligen Einkaufszentrum, wo sie diese billige blöde Weihnachtsmusik spielen, über die du dich schon die letzten zwei Monate aufregst. Alles in diesen abscheulichen Geschäften ist überteuert und furchtbar. Dein Neffe springt wie verrückt herum, deine Nichte schreit, Tante Erna watschelt umher, zeigt auf Dreiräder und sagt zum 57´ mal am Stück „du mochtest Dreiräder, stimmt´s?“ Überall um dich herum stehen Leute, die sich vergnügen, aber dir ist kotzübel. Dein Gehirn verwandelt sich in rosa Pudding. Überall wäre es jetzt besser als hier. Du beginnst dir all die Dinge vorzustellen, die du an diesem Tag machen könntest, wenn du nur nicht in dieser Situation stecken würdest. Deine Fantasie setzt zum Flug an. Zuhause mit einer Packung Taschentücher und den Suicide-Girls zu sein, wäre besser.

Das ist der Punkt, an dem du stoppen musst. Achte darauf, was wirklich passiert. Du bist nicht an einem der Orte, an denen du sein könntest, und tust nicht eine von den Sachen, die du tun könntest. Du bist hier. Dies ist dein Leben. Und du verpasst es. Deine Fantasien sind niemals die Wirklichkeit und sie werden sie auch nie sein, weil nichts von dem was du dir vorstellen kannst, jemals so sein wird, wie du es dir vorstellst.

Dasselbe gilt für all das, worüber du deprimiert sein kannst - die Weltlage, der Stand der aktuellen Musik, der Zustand deiner Haare.

Was mir immer hilft, ist all die kleinen Dinge zu tun, die mein Leben genau jetzt verbessern. Wie z.B. das Klo putzen oder den Müll ausleeren. Bring jemanden zum Lachen. Es gibt immer etwas, das getan werden muss. Immer. Und es ist deine Aufgabe es zu tun. Leiste einen Beitrag an die Welt, in der du lebst. Es ist nicht wichtig ob es was Großes oder was Kleines ist. In der Tat ist etwas Kleines besser. Wir leben unser Leben nicht für uns selbst. Dies ist ein großer Fehler, den fast jeder macht. Du bist ein Teil des Zusammenhangs des Lebens und du hast die Pflicht, deinen individuellen Beitrag zu leisten. Dafür hat dich Gott in die Welt gesetzt. Wenn du gegen dieses Prinzip handelst, fühlst du dich unglücklich.

Ist dein Leben im Gleichgewicht? Oder malst du es dir als ein paar Gipfelerlebnisse aus, große Höhen und große Tiefs, unterbrochen von langen Strecken, in denen nicht viel passiert? Auch Drogen werden dich Durcheinander bringen. So sehr ich es auch hasse wie Nancy Reagan zu klingen, es ist verdammt wahr. Sie ziehen dich für eine kleine Weile hoch, aber dann kommt immer der Rückschlag. Du magst denken es wäre in Ordnung, wenn du nur für den Rausch – egal welcher Art - lebst, unterbrochen von Zeiten in denen nichts passiert. Aber das ist es nicht. Der einfache Grund, warum das Heute so düster und grau erscheint, kommt bloß daher, weil du das Heute mit deiner Erinnerung an den Sonnenschein von gestern vergleichst, oder mit dem Hoch von gestern oder deinem Orgasmus von gestern. Oder das Große „wenn doch nur …“, das alles perfekt machen würde, wenn es nicht außer Reichweite wäre. Aber das sind bloß deine Erinnerungen und Vorstellungen. Die Wirklichkeit ist das Geschirr in der Spüle. Und das Geschirr in der Spüle heute, ist viel besser als die Achterbahnfahrt von letzter Nacht – denn das Heute ist wirklich und gestern und morgen sind Lügen, die du dir selbst erzählst.

Depression ist ein Gedanke. Es ist schwierig, ihn loszuwerden. Aber letztlich sind alle Gedanken, egal welche, nichts als Energie, die innerhalb des Fleisch Klumpens in deinem Schädel herumspringt.

Genieß deine Ferien, oder genieß es, sie nicht zu genießen. Es liegt ganz an dir.

(Link zum Originaltext)

Montag, 25. September 2006

Augen auf!*

Ich habe ein wenig über den fokussierten Blick während Zazen nachgedacht. Erst seit Kurzem mache ich mir darüber überhaupt Gedanken. Ich denke jedoch, dass dies ein extrem wichtiges Thema für Leute ist, die Zazen praktizieren. Mir scheint, ich habe das seit Langem gespürt, bin aber erst jetzt in der Lage es auszudrücken. Ich schreib hier mal, was ich meine.

Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, was mein erster Lehrer zum Thema sagte, als ich vor 20 Jahren anfing, Zazen zu praktizieren. Aber ich erinnere mich, jedes Mal frustriert gewesen zu sein, wenn ich bemerkte, dass mein Blick anfing, zu verschwimmen und zu wandern. Also nahm ich einen Filzstift und malte einen kleinen Punkt an die Wand, an der ich gewöhnlich Zazen machte. Wenn der Punkt aus meinem Blick verschwand, wusste ich, dass es Zeit war, mich zu korrigieren.

Ich empfehle dieses Verfahren nicht, denn es ist ein wenig künstlich. Ich hörte schnell wieder damit auf, denn der Punkt selbst wurde zur Ablenkung.

Erst vor ein paar Jahren, als ich Meister Nishijima erstmals darüber reden hörte, dass die Augen während Zazen fokussiert bleiben sollten, fing ich an, über das Thema nachzudenken. Aber als ich darüber nachdachte, bemerkte ich, dass wenn immer meine Augen unfokussiert waren, war meine Praxis ebenso unfokussiert, meine Haltung geriet unmerklich aus dem Lot und all dies bedurfte einer Korrektur.

Während unseres 3 Tage-Sesshins am Beginn dieses Monats und während unseres monatlichen eintägigen Mini-Sesshins letzten Samstag habe ich beobachtet, dass dies wieder und wieder passierte. Wann immer der Blick unfokussiert wurde, begann die Praxis abzuschweifen. Mit unfokussierten Augen wandert der Geist umher und die Haltung verändert sich. Das erneute Fokussieren der Augen half mir, wieder alles in die richtige Ordnung zu bringen.

Einmal hörte ich, wie mein erster Lehrer die Frage beantwortete, ob die Augen offen oder geschlossen sein sollten. Er sagte, wenn die Augen geschlossen wären, sei das so, als würde man sagen, dass das, was in unserem Kopf ist, wichtiger sei als das, was draußen ist. In der buddhistischen Praxis müssen wir beide Seiten gleich stark betonen. Das ist sehr wichtig.

Seit Kurzem bin ich also davon überzeugt, dass buddhistische Praxis die Praxis ist, die Augen offen und fokussiert zu behalten.

*Englischer Original Titel: “Open Your Eyes See The Lies Right In Front Of You“ - Song Text der Band Lords of the New Church; Sänger Stiv Bators, Ex-Mitglied der Band The Dead Boys aus Cleveland.

Donnerstag, 24. August 2006

Tommy Chong
















Letzte Nacht besuchte ich ein paar Freunde in Woodland Hills, das ziemlich weit draußen im Hinterland von Los Angeles liegt, in dem berühmten Tal (Drehort des Films
Valley Girls). Jedenfalls, als ich heimfuhr, schaltete ich das Radio an und die Sendung Love Line lief. Der Gast war Tommy Chong, von den berühmten Cheech und Chong.

Also, Chong erzählte über seine unlängst geschehene Festnahme dafür, dass er eine Bong benutzte. Der Moderator fragte etwas ähnliches wie „Bereuen Sie es?“ Und Tommy antwortete „Nein. Du lernst nur aus deinen Fehlern, nie aus deinen Erfolgen.”

Ich dachte, dass das ein ziemlich genialer Satz war. Er ist genau auf das anwendbar, wovon ich hier in letzter Zeit geredet habe. Die meisten Menschen, die eine Meditationsform wie Zazen ausüben, hoffen, dass sie darin erfolgreich sein werden. Und während unsere Freunde von Scientology und andere garantieren, dass ihre Techniken Erfolg bringen, wird ein anständiger Zen-Lehrer niemals irgendetwas Ähnliches versprechen. Wenn man den Satz Tommy Chongs, vom buddhistischen Standpunkt aus betrachtet, dann könnte es tatsächlich so sein, dass jede Erfahrung, aus der man nichts Wertvolles lernt, die wahre Definition von Erfolg ausmacht.

Wenn wir eine Erfahrung als erfolgreich bewerten, dann meinen wir damit, dass wir uns ein bestimmtes Ergebnis, welches wir erreichen wollten, vorgestellt haben. Wir haben unsere Anstrengungen in diese Richtung unternommen, und am Ende haben wir etwas Ähnliches erreicht wie das, was wir im Sinn hatten. Vor ein paar Monaten kaufte ich mir einen Godzilla-Bausatz; ich befolgte die Anweisungen und voilá! Jetzt habe ich das fertige Modell auf meiner Kommode sitzen. Die Arme passen nicht so ganz zum Körper, und der Anstrich der Zähne ist nicht ganz so, wie ich es gehofft hatte. Aber ich bin sehr zufrieden, dass ich das Projekt erfolgreich beendet habe.

Dieses spezielle Muster des Erfolgs funktioniert in vielen Situationen. Aber es lässt sich überhaupt nicht auf die Zen-Praxis anwenden. Es ist eine ziemliche Schande, wenn Menschen es auf Zen anwenden, und seeeeeeehr viele Leute machen das, denn es verfehlt vollkommen das Wesentliche der Praxis. Es kann sein, dass die Zeiten, die du während deines Sitzens als am wenigsten erfolgreich empfindest, die wertvollsten sind, während die Momente, in denen Zazen sich erfolgreich anfühlt, diejenigen sind, in denen deine Praxis schiefläuft.

Was du in Zazen machst, ist, still und gründlich zu studieren, was immer gerade in genau diesem Moment deiner Praxis geschieht. Und mit „studieren“ meine ich keine intellektuelle Betrachtung. Du studierst dich selbst, indem du dir erlaubst, genau so zu sein, wie du bist – ohne irgendeinen Gedanken. Überlegungen können der Sache nur im Weg stehen. Es ist eine Ablenkung. Selbst das Beobachten des Atems ist eine Ablenkung von der Praxis. Jede Anstrengung, die du machst, um ruhig, klar, erleuchtet, erwacht zu werden, eine „Durchbruchs-Erfahrung“ zu haben oder wie immer du es nennst, ist nur eine Ablenkung von der wahren Praxis.