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Sonntag, 25. Mai 2008

MINDFULNESS SCHMINDFULNESS

Ich bin so froh, dass Nishijima Roshi einen Blog Eintrag über Achtsamkeit geschrieben hat. Es ist der Artikel vom 24 Mai, 2008, der Link schickt dich nämlich nur zu seinem Blog. Ich habe den ganzen Achtsamkeits-Kram auf jeden Fall ziemlich satt, von daher finde ich es wunderbar, dass ein anderer genauso darüber denkt. Und nein, wir haben niemals über dieses Thema gesprochen.

Schon neulich habe ich gesagt, dass ich den Achtsamkeits-Kult der heutzutage im Buddhismus herangewachsen ist gänzlich zerstören will. Wie Nishijima zeigt, hat das Wort "Achtsamkeit" die Bedeutung bekommen, sich immer tiefer den eigenen Kopf zu verbohren, was niemals Buddhismus ist. Ich glaube, ich habe schon mal darüber gelästert. Aber ich lebe in einem Meditationszentrum, wo verschiedene Lehrer unterrichten, und ich kann dir nicht sagen, wie oft ich schon in meinem Zimmer war und hörte, wie jemand über Achtsamkeit plapperte. Wenn ich dann, nachdem die Gruppe gegangen ist, aus meinem Zimmer komme, finde ich folgendes vor: die Tür ist unverschlossen, die Fenster weit offen und die Stühle überall kreuz und quer verteilt … Was zur Hölle lernen sie dort für eine Art von Achtsamkeit?

Es ist so ein Scheißwort. Egal, nur ein bisschen Werbung für Nishijimas Blog. Und wenn ich schon von Werbung spreche, schau dir hier die für die Zero Defex CD an.

26.05.08

NEUER SUICIDE GIRLS ARTIKEL (Mai, 2008)
und mehr über MINDLESS MINDFULNESS

(SINNLOSE ACHTSAMKEIT)

Hab einen neuen Suicide Girls Artikel veröffentlicht. Wieder einer über Pornos. Ich schwöre, ich werde irgendwann aufhören, immer wieder Artikel über dasselbe Thema zu schreiben. Vielleicht wenn die Leute mich nicht mehr danach fragen.

Gerade erst bin ich aufgewacht, also habe ich nicht vor noch mehr über Achtsamkeit zu erzählen, wenn schon vielleicht später. Die Sache mit den Wörtern im Buddhismus ist so, dass wenn die breite Öffentlichkeit sich an sie hängt und sie auf ihre Art definiert, dann sind die Wörter tot. Ich denke, es ist Zeit das Wort "Achtsamkeit" zu begraben. Es ist einfach nur noch abgedroschen. Und wie gesagt (siehe oben), zielt Achtsamkeit, wenn sie praktiziert wird auf einen nicht ganz klaren Zustand im Kopf des Denkens und Denkens und Denkens, während du dich selbst dazu beglückwünscht, wie achtsam du doch bist. Verschließ die Gott verdammten Türen und Fenster, wenn du das Haus anderer Leute verlässt!

An der einzigen Stelle, von der ich weiß, an der Dogen das Wort Achtsamkeit benutzt, sagt er,

"Achtsamkeit ist der Esel, der den Brunnen anschaut. Es ist der Brunnen, der den Esel anschaut. Es ist der Esel, der den Esel anschaut. Es ist der Brunnen, der den Brunnen anschaut."
Er sagt außerdem,
"Ohne zu wissen, wer es dir lehrte, denkst du, dass das Bewusstsein eine Funktion des Gehirns ist. Wenn ich sage, dass das Bewusstsein Gras und Bäume ist, glaubst du es nicht."
Und selbstverständlich gebrauchte Dogen das Wort "Achtsamkeit" überhaupt nicht. Ebenso Buddha. Das Wort existierte zu ihrer Lebenszeit nicht einmal. Die englische Sprache selbst existierte nicht einmal zur Zeit Buddhas. Später werde ich das japanische Wort nachschlagen, das Dogen benutzte, und das hier von Nishijima/Cross als "Achtsamkeit" übersetzt wurde*.

Das Ding ist aber, dass die "Achtsamkeit", die heutzutage gelehrt wird, zu implizieren scheint, dass wir achtsam sein müssen. Als ob wir irgendwie über Achtsamkeit verfügen könnten. Nee. Das geht nicht. Achtsamkeit ereignet sich ständig, wir müssen ihr aus dem Weg gehen.

* (Einige Stunden später von Brad W. hinzugefügt. Anm.d.Red.) Sieht so aus, als ob ich einen Fehler gemacht habe! Zum ersten Mal in meinem ganzen Leben (Hallo Trolle)! Ich dachte immer, in der Esel-Brunnen Zeile ginge es um Achtsamkeit. Ich habe es sogar so in mein Buch Sit Down And Shut Up geschrieben. Das beweist, dass man niemals dem trauen kann, was in Büchern steht! Blamabel!!

In Wahrheit steht der Esel-Brunnen Kram im Kapitel "Erzeugt kein Unrecht" (諸悪莫作 SHOAKU MAKUSA, Kapitel 10, Buch 1 der Nishijima Übersetzung des Shobogenzos) und lautet:

[Die Beziehung] zwischen dem "Unrecht" und dem "Es-nicht-Erzeugen" ist nämlich nicht [einseitig]. Wenn es so wäre, würde der Brunnen nur den Esel anschauen, [wenn sie sich begegnen,] aber der Brunnen schaut auch den Brunnen an, der Esel schaut auch den Esel an, der Mensch schaut auch den Menschen an, und der Berg schaut auch den Berg an. ( Zitiert aus: Shobogenzo, Band 1, Kristkeitz Verlag)
Nishijima erklärt das Kapitel in seinem Blog genau hier.

Dies bezieht sich auf einen Koan, der im Eihei Koroku steht (永平禅師語録 Die aufgezeichneten Worte von Eihei Zenji, auch bekannt als Dogen). Der Koan lautet:

Meister Sozan fragte einst einen Mönch: "Wie ist es, wenn der Dharma Körper der Realität, Form in Übereinstimmung mit den Lebewesen manifestiert, so wie der Mond im Wasser gespiegelt wird?" Der Mönch sagte: "Es ist wie ein Esel, der einen Brunnen anschaut". Sozan sagte: "Du hast ziemlich viel gesagt, aber du hast nur 80 Prozent darüber gesagt" Darauf fragte der Mönch: "Meister, was sagst du?" Sozan antwortete: "Es ist wie der Brunnen, der den Esel anschaut."
Die einzige Stelle, die ich finden kann, in der Dogen sowas wie das Wort "achtsam" benutzt, taucht im Zazengi (坐禅儀) auf, "Anleitung zum Zazen". In der Übersetzung von Kazuaki Tanahashi, welche im Buch Moon In A Dewdrop erschienen ist, heißt es, "sei achtsam auf die vorübereilende Zeit." Ich habe es überprüft. Die original Zeile ist Folgende: 光陰を護惜べし. Carl Bielefeldt übersetzt dies als, "schätze den Wert der vorübereilenden Tage und Nächte hoch." Die beiden Wörter 光陰 und 護惜 sind nicht mehr im allgemeinen Gebrauch. 光陰 Bedeutet ungefähr, "Licht und Dunkelheit". Und nur nebenbei, für die unter euch, die denken ich hätte einen verdorbenen Charakter, zufällig kenne ich das Schriftzeichen aus dem Wort 陰毛, was Schamhaar heißt, oder wörtlich "Haar in der Dunkelheit". Das Wort 護惜 ist eine Kombination aus zwei Schriftzeichen, die "schützen" () und "kostbar" () bedeuten. Das ist das Wort, das Tanahashi als "achtsam" übersetzt. Es ist nicht so weit hergeholt, wie die Übersetzung Brian Victorias von Kodo Sawakis Äußerung "wir hatten es satt zu töten" mit "wir konnten nicht genug vom Töten kriegen". Es ist eine kleine, aber dennoch völlig akzeptable, Übersteigerung hier das Wort "achtsam" zu verwenden.

Pass darauf auf, nicht an Worten festzukleben (sagt ein Typ, der gerade ein paar Stunden seines Urlaubs dem Nachschlagen einiger Wörter gewidmet hat). Sagt nicht, ich hätte nie etwas für euch nachgesehen!

28.05.08
Achtsamkeit (zum tausendsten Mal)

Mein Gott! Ich habe mich zwei Mal geirrt! Die ersten beiden Male in meinem ganzen Leben in denen ich einen Fehler gemacht habe! Was ist nur los?

Danke an Ted Biringer und Dosho Port für das Auffinden weiterer Stellen, an denen das Wort "Achtsamkeit" oder Ähnliches in Dogens Schriften noch auftaucht. Die längste und vollständigste Erklärung, die er darüber gibt, bietet das Kapitel SANJUSHICHI-BON BODAI BUNPO 三十七品菩提分法. Dies ist das Kapitel 73 des 95 Kapitel-Shobogenzo und erscheint als das erste Kapitel im 4 Buch der Nishijima/Cross Übersetzung oder im Kapitel 1 von Buch 10 in der Shobogenzo Übersetzung Nishijimas ins moderne Japanisch. 現代語訳正法眼蔵, welches auch Dogens tatsächliche Worte enthält).

Hier ein bisschen von dem, was Dogen sagt:

"Bewusstheit" als eine Wurzel ist eine Ansammlung roten Fleisches, [ein Mensch, der] wie ein kahler Baum ist. Eine Ansammlung roten Fleisches nennen wir "einen kahlen Baum", und ein kahler Baum zu sein, ist die Wurzel der Bewusstheit. Ihr seid diese Bewusstheit, wenn ihr euch selbst im Dunklen ertastet. Es gibt eine Bewusstheit des Körpers und eine Bewusstheit, in der ihr euch euer selbst nicht bewusst seid. Es gibt eine Bewusstheit, in der Gedanken und Empfindungen auftreten, und eine Bewusstheit, in der ihr euch eures Körpers nicht bewusst seid.
Bewusstheit [oder die natürliche Fähigkeit, in der Gegenwart zu sein,] ist ohne Zweifel die Lebensgrundlage aller Menschen auf der ganzen Erde, und sie ist die Lebensgrundlage aller Buddhas der zehn Richtungen. In einem Augenblick der Bewusstheit mag es viele Menschen geben, und in einem Menschen gibt es viele Augenblicke der Bewusstheit. Dennoch gibt es Menschen, die Bewusstheit haben, und solche, die sie nicht haben. Ein Mensch lebt nicht unbedingt im Zustand der Bewusstheit und die Bewusstheit selbst hat nicht unbedingt etwas mit einem Menschen zu tun. Selbst wenn dies so ist, ist die Tugend der vollkommenen Verwirklichung da, wenn ihr in der Lage seid, eure natürliche Bewusstheit zu bewahren. ( Zitiert aus: Shobogenzo, Band 4, Kristkeitz Verlag)
Das Wort, das in der (engl.) Nishijima/Cross Übersetzung als Mindfulness übersetzt wird, ist 念. (In der deutschen Kristkeitz Übersetzung "Bewusstheit", Anm. d. Red.). Im modernen Japanisch wird dieses Zeichen "nen" ausgesprochen und bedeutet Sinne, Ideen oder Bewusstheit, Gewahrsein. Im gewöhnlichen Gebrauch erscheint es in Worten wie 残念 (zanen) "bedauerlich", bei dem sich das erste Zeichen auf Dinge bezieht, die gewöhnlich als fehlend gedacht werden oder 念入り (neniri) "vorsichtig" bei dem das zweite Zeichen in etwa "hinzufügen" oder "eintreten" bedeutet. Im nicht buddhistischen Kontext wird das Wort gewöhnlich nicht als Mindfulness übersetzt. "Mind", ohne "-fulness" ("Geist", ohne "-Anfüllung/Fülle") könnte auch eine gute Lesart für sein. Versuchs mal auf diese Weise und schau, was es dir sagt. Ist ein bisschen anders, oder?

Falls du es kompliziert magst, das chinesische Zeichen besteht aus zwei Teilen. Das Zeichen oben bedeutet "jetzt", während das unten "Mind" (Geist) oder "Herz" bedeutet. Im buddhistischen Kontext wird im Englischen meist als "Mind" übersetzt. Also, wer auch immer sich das Zeichen erdacht hat, schien wohl den Zustand des Geistes genau im Jetzt herauszustellen zu wollen. Wofür auch immer meine Sprachanalyse gut sein soll, sie ist nicht viel wert. Nur ein bisschen Kanji Spielerei für euch alle. Nishijima erzählte mir einst die Geschichte, wie er einen Bibelgelehrten in Israel besuchte. Der Besuch, sagte er, zeigte ihm "die Gefahren des Glaubens an alte Texte." Wir verfangen uns in Streitereien um Wörter, die unglaublich blöd sind, selbst wenn sie sich verdammt schlau anhören.

Der Punkt ist, dass das Wort "Mindfulness" im aktuellen Gebrauch, solch ein unsinniger Begriff geworden ist, dass er mehr schadet als nützt. Es ist Zeit ihm die Luft raus zulassen und ihn aus seinem Elend zu stoßen.

Fuck mindfulness.

Meine Freundin Tonen erzählte mir die Geschichte, dass, während sie in Japan war, ihr ein Zen Meister, den sie dort traf, erzählte, dass Amerikaner, die seinen Tempel besuchten, sich bei ihm immer überschwänglich darüber ausließen, wie achtsam sie doch wären. "Steckt eure Video Kameras weg," sagte er ihnen, "Ihr nehmt euch nur selbst beim achtsam sein auf!"

Beim Lesen von dem, was Dogen schrieb, wird klar, dass das Wort weitestgehend missverstanden wurde, sogar zu seiner Zeit unter den Leuten, zu denen er sprach. Deswegen versuchte er ihr gewöhnliches Verständnis des Wortes auf eine Weise zu verdrehen, wie sie es nicht erwartet hätten.

Auf jeden Fall enthält dasselbe Kapitel die Zeile, "Höre nicht auf die ungenügenden Worte von Zen Meistern und dergleichen." Da habt ihr's!

Samstag, 4. August 2007

Der Porno-Buddhist

Offenbar bin ich in gewissen buddhistischen Kreisen seit Neuestem als der „Porno-Buddhist“ bekannt. Scheinbar ist das eine Quelle großer Freude, da – wie ich hörte – diese Buddhisten es genießen, über mich zu lachen. Wie ich darauf komme? Das ist eine etwas längere Geschichte. Aber sie könnte Euch gefallen!

Traditionell ernennt ein buddhistischer Meister im Alter einen Nachfolger. Das läuft schon seit Buddha´s Zeiten so. Grundsätzlich mag ein Meister eine ganze Reihe seiner Schüler ordinieren und sogar auch einigen „den Dharma übertragen“. Die Dharmaübertragung ist etwas schwierig zu erklären. Im Wesentlichen geht es darum, dass du in den Augen des Meisters ein wenig weiter bist als der gewöhnliche „Mönch“, weil Du ein besonderes Verständnis erlangt hast, welches der Meister erkennt. Es gibt auch andere Gründe, warum die Übertragung erfolgt. Aber das tut hier nichts zur Sache. Obwohl ein Meister also eine unbegrenzte Anzahl an Ordinationen und Dharmaübertragungen vornehmen kann, ernennt er traditionell nur einen Nachfolger.

Mein Lehrer Gudo Nishijima hat mich vor kurzem zu seinem Nachfolger ernannt. Das mag ziemlich toll klingen. Tatsächlich fühlte ich mich eher verwirrt und besorgt. Denn ich habe gesehen, wie diese Dinge laufen. Sobald der Meister einen Nachfolger ernannt hat, werden all die anderen Leute, die es gern geworden wären, deswegen ziemlich sauer. Natürlich wird das Ganze noch komplizierter, wenn der Meister vor seiner Entscheidung stirbt. Wenigstens ist mein Lehrer zum Glück noch sehr lebendig und wohlauf.

Dieser Kram ist sicherlich nicht typisch buddhistisch. Aber es ist ziemlich enttäuschend zu sehen, dass es in einer Gruppe von Leuten, die sich als Buddhisten verstehen, genauso läuft wie anderswo auch. Man erwartet einfach mehr. Ich erwarte Besseres. Dieses Verhalten ist ganz einfach nicht buddhistisch. Aber im wirklichen Leben laufen die Dinge nun mal so ab.

Also druckste ich herum und zögerte etwas, die Ernennung anzunehmen, weil ich mir nicht sicher war, ob ich ausreichend für den unvermeidbaren Angriff gerüstet wäre. Letztlich entschied ich, dass es besser wäre, es einfach hinter mich zu bringen. Also sagte ich Nishijima, dass es in Ordnung wäre, wenn er die Nachricht verkünden wollte.

Als es publik wurde, begann auch schon das Gezeter. Ich habe schon davon geschrieben. Anstatt aber wieder schnell zu verschwinden, hält die Verstimmung einiger Leute an. Das Neueste ist eben mein Spitzname „der Porno-Buddhist“. Ich schätze, das liegt daran, dass ich die Kolumne für die netten Leute bei Suicide Girls schreibe.

Ich will mich jetzt hier auch gar nicht als der arme kleine Bradley hinstellen, der sich nur um seinen Kram kümmerte, als plötzlich alle Leute wütend auf ihn wurden. Mir war klar, wenn ich für Suicide Girls schreibe, würde irgendwann dieser ganze Mist passieren. Allerdings hätte ich es nicht von Leuten erwartet, die vorgaben, meine Freunde zu sein. Das ist ziemlich traurig. Zudem erwarte ich von Leuten, die sich als Buddhisten verstehen, mehr. Wie auch immer: die sind alle von meiner Weihnachtskartenliste gestrichen. Darauf könnt ihr Gift nehmen.

Dazu muss ich sagen, dass sowas nicht nur in unserer Linie vorkommt. Tatsächlich gehen wir wohl sogar besser damit um, als manche andere. Viel besser. Zumindest bislang. Meistens geschieht so was hinter den Kulissen und oft weitaus heftiger.

Sei´s drum. Kommen wir zu meinem Image als Porno-Buddhist. Als diese Anschuldigung erhoben wurde, empfahl mein Meister meinen „Freunden“ ein Kapitel namens „Blumen im Raum“ aus Dogens Shobogenzo zu lesen. Das ist wie der Muppetshow-Sketch „Schweine im Weltraum“, nur mit Blumen anstelle von Schweinen. Er meinte, es erhelle die buddhistische Haltung in Bezug auf die Lenkung des sexuellen Verlangens.

Ich werd´ hier nicht das ganze Kapitel diskutieren. Besorg Dir Teil III des Shobogenzo beim Buchhändler um die Ecke, wenn es Dich interessiert. Es geht besonders um eine Zeile, in der Dogen einen alten Chinesischen Zenmeister zitiert:

"Durch das Entfernen von Störungen verdoppeln wir die Krankheit."

Dogen kommentiert das: "Wir sind bislang nicht frei von Krankheit gewesen: wir hatten den Buddhavirus und den Patriarchenbazillus. Intellektuelles Ausschließen verstärkt und verschlimmert die Krankheit. Schon der Moment der Beseitigung selbst ist unvermeidbar Störung. Dies geschieht gleichzeitig und ist jenseits von Gleichzeitigkeit. Störungen beinhalten immer die Tatsache des Versuches sie zu beseitigen."

Wir alle haben sexuelles Verlangen. Da ist nichts spezifisch Falsches dran. Wir brauchen sexuelles Begehren, um als Spezies zu überleben. Weder Dogen noch Buddha selbst wären ohne das sexuelle Verlangen ihrer Eltern jemals geboren worden. Wenn Du glauben willst, dein Heiland sei geboren worden, ohne das vorher jemand Sex hatte: nur zu. Wie auch immer: die Zeile bezieht sich nicht speziell auf sexuelles Verlangen, sondern auf das generelle Konzept von Störungen.

Viele Leute versuchen eine Art spirituelle Reinheit zu schaffen. Dazu versuchen sie oft, alles zu beseitigen, was diese Reinheit stören könnte. Dogen aber sagt, dass Ausschluss die Seuche verstärkt und verschlimmert. Weiter sagt er: „Schon der Moment der Beseitigung selbst ist unvermeidbar Störung.“ Es gibt nur einen Grund, warum wir etwas als Störung bezeichnen: weil wir wünschten, es wäre nicht da. „Störungen beinhalten immer die Tatsache des Versuches, sie zu beseitigen.“ Ist´s nicht so?

Das ist der tatsächliche Schlüssel zum Verständnis des Buddhismus. Buddhistische Praxis versucht, alles aufzudecken. Das ist es, was wir tun, wenn wir Zazen sitzen. Es mag wie nichts aussehen. Aber wir setzen uns uns selbst aus. Viele von uns mögen nicht, was sie sehen. Aber wir fahren fort, bis jeder Stein umgedreht wurde, und jede quiekende hässliche Wanze darunter das Tageslicht erblickt hat.

In der heutigen Zeit kann niemand darauf hoffen, von Bildern begehrenswerter Objekte verschont zu bleiben. Für euch, die ihr das hier lest, sind solche Bilder 24 Stunden am Tag nur einen Mausklick entfernt – sogar noch schneller, wenn Du Abonnent bist. Wie lebt man in einer solchen Welt?

Das ist eine entscheidende Frage. Aber wie alle wichtigen Fragen ist es keine, die ich oder irgendjemand anderes für dich beantworten kann. Du musst deinen eigenen Weg finden. Den einzigen Rat, den ich dir geben kann, ist, immer wieder das Gleichgewicht zu suchen. Wenn die Dinge zu aufregend werden, ist das ein Problem. Jedes Hoch hat ein ihm entsprechendes Tief. Ich wette, dass glaubst du nicht. Die meisten von uns tun das nicht. Wir glauben, eines Tages das ewig währende Hoch zu erleben. Ich kann dich nicht daran hindern, danach zu streben. Aber ich kann zweifellos behaupten, dass so etwas nicht existiert. Es liegt nicht in der Natur der Dinge, dass es irgendwo so was gibt.

Diejenigen, die auf Reinheit und Rechtschaffenheit hoffen, versuchen immer zu zerstören, was sie stört. Aber sie suchen an der falschen Stelle. Sie glauben, die Störung käme von außerhalb ihrer selbst. Ich schätze, meine Dharmabrüder glauben, ihr Problem sitzt, von Plastikmonsterspielzeug und üppigen Suicide Girls (Ach ja, schön wär´s!) umgeben, in goldene Roben gekleidet und mit einem Stock wedelnd, drüben in einem Apartment in West Hollywood. Aber ich habe meine Zweifel. Immer wenn ich mir die Dinge die mich am meisten störten genau ansah, fand ich sie niemals außerhalb. Sie waren immer genau hier. Und da werden sie auch immer zu finden sein.

Donnerstag, 4. Mai 2006

Lehrplan Schwerplan

Zurück zu den Fragen der lieben Leute von St. Paul. Das hier ist eine komische. Es ist Frage Nummer 3, für all jene, die zu Hause mitzählen.

"Welchen Wert hat ein Lehrplan und ein bewährter Ablauf gegenüber einem unabhängigeren Eingehen auf die Entwicklung einzelner Schüler in ihrer Art des Lehrens."

Bitte was jetzt? Ich mein, ich weiß, wo diese Frage herkommt, aber ich musste mich niemals wirklich mit so etwas beschäftigten.

Nach der Vorstellung der meisten Leute wird man dadurch zu einer religiösen Autorität, indem man Seminare, oder was es sonst noch alles gibt, besucht, all die anerkannten Bücher liest und die benötigten Stunden in jede, von der Organisation verlangte, Übung investiert. Danach macht man seinen Abschluss und bekommt so´n offizielles Zertifikat, mit dem der Verwaltungsrat der Organisation offiziell zustimmt, eine eigene Gemeinde in ihrem Namen führen zu können. Das ist in etwa das heutige westliche Modell dafür, wie es funktioniert.

Heutzutage existiert mehr oder weniger dasselbe Modell in Japan und, so nehme ich an, in anderen buddhistischen Ländern. Einer der Wege ein Zen-Meister der Soto Schule zu werden ist, in einen der Ausbildungstempel zu gehen, die offiziell von der Soto-shu anerkannt sind - dem Verwaltungsgremium, das solche Dinge offiziell anerkennt. Du folgst ihrem Lehrplan, nimmst alle Hürden und am Ende bekommst du dein Zertifikat.

Aber es gibt noch einen anderen Weg um das zu erreichen. Schau, jeder der durch diesen Prozess geht, hat danach die Autorität, seine oder ihre eigenen Nachfolger zu wählen. Diese Nachfolger müssen nicht unbedingt demselben Lehrplan folgen, wenn der Lehrer es nicht für notwendig hält. Wenn jemand auf diese Art ein Zen-Meister wird, kann er oder sie (doch da ich grundsätzlich über mich selbst rede, überspringen wir das von hier an) im offiziellen Soto-shu-Register der Lehrer landen, muss aber nicht. Ob das nun wichtig ist oder nicht hat der Zen-Meister selbst zu entscheiden.

Ich kann verstehen, warum sich das System für viele Leute völlig blödsinnig anhört. Stell dir mal vor, dein örtlicher Gemeindepfarrer könnte jeden den er will zum Erzbischof ernennen. Was für ein Chaos! Welche Empörung! Dennoch, das System scheint im Zen Buddhismus prima zu funktionieren. Freilich, ein paar Spinner haben es geschafft eine Dharma Übertragung zu ergattern. Nur schau dir mal an, was in manch anderen religiösen Organisationen passiert ist, die ein viel sorgfältiger verwaltetes System haben. Ich denke, man kann nicht sagen, dass es im Zen schlechter läuft, obwohl hier ein etwas organischerer Ablauf der Dinge erlaubt ist.

Die Leute in St. Paul, wie Buddhisten im ganzen Land, sind beunruhigt, was die Zukunft des amerikanischen Buddhismus angeht. Sie wollen Standards einrichten, so dass man bei jedem der die Roben trägt und sich selbst einen buddhistischen Lehrer nennt darauf zählen kann, dass er einen spezifischen Teil der Lehren gemeistert hat und in einer bestimmten Art und Weise ausgebildet wurde, damit sichergestellt ist, dass er den Geist dieser Lehren pflegt. Oh, wenn es doch nur so einfach wäre ...

Das Problem ist: Egal wie sorgfältig du deine Standards einrichtest, irgendjemand wird sie brechen, indem er sich wie ein totales Arschloch benimmt. Und auch wenn dass nicht passiert, gibt es genauso viele Möglichkeiten zur Interpretation deiner Standards, wie es Leute gibt, die diese Standards lesen. Du kannst also niemals jeden zufrieden stellen, so sehr du es auch versuchst. Was nicht heißt, dass du es nicht versuchen sollst. Nur solltest du dies von vornherein wissen.

Doch um zur Frage zurückzukehren, Du willst wissen, wie ich damit umgehe? Ich habe es einfach nicht so mit dem ganzen Lehrplan-Ding. Ich könnte mich hinsetzen und eine Liste mit Büchern einfallen lassen, die man unbedingt lesen muss, und vielleicht noch eine Liste mit Dingen, die du unbedingt getan haben musst, bevor du einen Satz Roben bekommst. Aber solche Dinge interessieren mich nicht wirklich. Außerdem habe ich es so ohnehin nicht gemacht. Ich würde mich bei der ganzen Sache ein wenig unecht fühlen. Und ich verlange von meinen Studenten nicht, dass Sie Bass in Punk Rock Bands gespielt, oder in schlechten japanischen Filmen Dinosaurier Kostüme aus Gummi getragen haben, bevor sie ihre Roben bekommen.

Doch was die eher standardmäßigen Lehrpläne angeht, - ich meine, schau - das Shobogenzo ist ein wundervolles Buch, aber offen gesagt, ich kenne Leute die das Shobogenzo Dutzende Male gelesen und dessen Lehren trotzdem noch nicht mal im Ansatz verinnerlicht haben, während ich andere Leute kenne, die sogar noch nie etwas von dem verdammten Ding gehört haben, trotzdem aber weitaus bessere Menschen sind als die meisten, die es bis zum Umfallen studiert haben. Es gibt Leute, die sich durch anerkannte buddhistische Übungen praktiziert, geschunden und gekämpft haben, mit denen ich nicht mal einen Nachmittag verbringen wollte, weil sie so komplett unausstehlich sind (die meisten buddhistischen Gelehrten sind außergewöhnlich nette Leute, ich nenne nur die Ausnahmen, um meine Idee rüber zu bringen). Ich glaube nicht, dass ich mit einem besseren Lehrplan aufwarten könnte, um sicherzustellen, dass jeder der ihm folgt ein anständiger Mensch wird.

Ein weiteres großes Problem ist, dass du, wenn du einmal so einen Lehrplan erstellt hast, in Wirklichkeit damit sagst: "Mach dieses Zeug und wenn du damit fertig bist, werde ich dich mit ein paar Roben belohnen und du kannst dich mein Nachfolger nennen". Warum sonst sollte jemand Jahre seines Lebens mit der Befolgung einer solchen Sache verschwenden? Ich kann mir nicht vorstellen, irgendein unausstehliches Arschgesicht zu sanktionieren, nur weil er es durch einen spezifischen Studien- und Übungsplan geschafft hat.

Die einzige Art jemals jemanden zu meinem Nachfolger zu machen wäre, dass ich über mehrere Jahre einen Haufen Zeit mit dieser Person verbringen würde, um absolut sicher zu sein, dass sie aufrichtig ist und für die Sache lebt und nicht Gefahr läuft ein totales Arschloch zu werden, sobald ich ihr meinen Rücken zukehre. Also ich denke, das bedeutet, dass ich ein von Lehrplänen unabhängiges, „individuelles Eingehen auf die Entwicklungen des Schülers“ bevorzugen würde, und es mir scheißegal wäre, ob die Person sich durch einen Lehrplan hindurch gekämpft hat, selbst wenn ich derjenige wäre, der ihn entworfen hat.


(Link zum Originaltext)