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Mittwoch, 20. Januar 2010

Die Glocke einladen



Bevor wir heute beginnen, muss ich euch etwas Cooles zeigen. Das ist das Cover der deutschen Ausgabe von Hardcore Zen, die im März 2010 im Aurum Verlag erscheint. Fett, oder? Ich freue mich darauf, dieses Jahr ein paar Live-Gigs in Deutschland zu veranstalten, um das Ding zu promoten. Hab die deutsche Version des alten Kraftwerk-Albums gehört (netterweise von Christine zur Verfügung gestellt - Danke!), um mir ein paar Brocken Deutsch anzueignen bevor ich gehe.

OK. Jetzt zur heutigen Tirade.

Neulich waren wir gerade dabei mit Zazen zu beginnen und ich sagte in etwa, "OK, lasst uns die Glocke schlagen und anfangen." Und dann meinte jemand, dass die Leute in einer anderen Zen Gruppe, mit der sie saß, nicht "schlag" die Glocke sagen würden, weil dieses Wort zu gewalttätig sei. Stattdessen "lädt man die Glocke ein zu klingen".

Ich antwortete "Und was, wenn die Glocke es mag, geschlagen zu werden?" Ich meine, vielleicht fährt die Glocke voll drauf ab, richtig hart geschlagen zu werden und bettelt dich förmlich an. In diesem Fall scheint es unfreundlich zu sein, der Glocke zu verweigern, was sie sich so sehr wünscht.

Nicht jeder erwartet die gleichen Dinge vom Leben wie du. Die, die etwas anderes als du oder als die Mehrheit der Menschen wollen, sind nicht notwendigerweise krank und haben unrecht, und sind nicht auf dich angewiesen, um sie in etwas zu verwandeln, das mehr dem ähnelt, was du "normal" nennst.

Das, denke ich, sollte offensichtlich sein, besonders für Westler, die sich für sogenannte "fernöstliche spirituelle Praktiken" interessieren. Wir sind selbst schon Mitglieder einer Minderheit. Daher sollten wir die Schwierigkeiten verstehen, die darin stecken an etwas interessiert zu sein, das den meisten Menschen, denen wir begegnen, nicht verständlich ist.

Und doch begegnet man in buddhistischen Zentren oft dieser Art von tiefen Vorurteilen und dem tief sitzenden Zwang, Menschen, die wir treffen, in etwas zu verwandeln, das uns ähnlich ist, statt ihnen zu erlauben genau so zu sein, wie sie wirklich sind. Tatsächlich ist diese Tendenz oftmals stärker in Menschen vorhanden, die auf irgendwelche Nischendinge stehen, wie z.B. Zen, als es in der Mainstream-Bevölkerung der Fall ist.

In Leuten, die auf Zen und solche Sachen stehen, liegt dieser Zwang oft unter unzähligen Schichten unerkannter Selbstgerechtigkeit begraben. Natürlich kannst du, wenn du auf Zen stehst, unmöglich an etwas interessiert sein, das der Rest von uns, die auf Zen abfahren, als merkwürdig oder (tiefer Atemzug!) irre ansehen würden.

Vieles von dem, was ich so an Vorgängen in der Welt des amerikanischen Zen beobachte, kommt von einem Ort tief liegender Selbstgerechtigkeit. Es ist dasselbe erstickende Gruppendenken, das sagt "Komm zu uns, sei eins mit uns, tu was wir dir sagen, sei so wie wir dich haben wollen, wenn du dich an unsere Ideale anpasst, wirst du mit einem Gefühl der Zugehörigkeit belohnt werden. Aber weiche niemals ab von dem, was wir als richtig ansehen, oder dieses Gefühl wird dir wieder genommen werden."

Aber hier ist der springende Punkt. Wenn du an etwas teilnimmst, sagen wir mal bei einem Sesshin, bei dem eine Gruppe zusammen Zazen praktiziert und für mehrere Tage auf engem Raum lebt, dann muss es ziemlich strenge Verhaltensregeln geben. Das nennt man atarimae (当たり前), um einen japanischen Ausdruck zu gebrauchen. Es ist etwas so Offensichtliches, dass es dumm erscheint, das überhaupt noch zu erwähnen.

Wie auch immer, daraus folgt nicht, dass Menschen, die an solchen Veranstaltungen teilnehmen, versuchen müssten, sich in die Art von Ideal-Person zu verwandeln, um der Vorstellung zu entsprechen, die der kleinste gemeinsame Nenner der Gruppe ist.

Für mich ist eine Glocke ein Ding, das es genießt, geschlagen zu werden. Wenn eine Glocke geschlagen wird, ist sie fähig sich selbst als Glocke zu zeigen. Wenn du sie nicht schlägst, kann die Glocke nicht tun, was sie tun muss.

Wenn du versuchst, die Tatsache zu vertuschen, dass du die Glocke schlägst, indem du diese Tat hinter einem hochtrabenden Euphemismus verbirgst, bist du nicht ehrlich mit dir selbst oder mit der Glocke.

Du hast eine Verantwortung deinen Part zu spielen. Manchmal begegnest du einer Glocke, die geschlagen werden muss, um sich als Glocke zu manifestieren. Wenn du zu sehr in ein sorgfältig kultiviertes Bild von dir selbst verwickelt bist als jemand, der niemals etwas schlagen würde, nicht mal eine Glocke, dann wirst du letztlich mehr Schaden anrichten, indem du nicht das tust, was nötig ist.

Die heutige Pop-Kultur hat das Image vom idealen Buddhisten kreiert als eine zaghafte Person, die sich so sehr davor fürchtet Schaden zu verursachen, dass er nicht handeln kann, wenn es darauf ankommt. Schau dir dieses feine Beispiel an:


Es ist lustig, das versprech ich dir. Und ich fühle mich überhaupt nicht angegriffen durch diesen Werbespot. Das Problem ist, dass man einem Haufen Leute begegnet, die sich selbst als echte Buddhisten betrachten und den Buddhismus fast auf die gleiche Art sehen, wie die Leute, die diesen Werbespot gedreht haben. Leute, die versuchen ihr Leben nach dem Vorbild verschiedener Karikaturen von Buddhisten auszurichten, die sie in der Fernsehwerbung oder schlechten Hollywoodfilmen gesehen haben.

Dann passiert das gleiche wie mit jeder Religion. Um seine Überzeugung zu stärken, wirklich zu sein, was auch immer man gerne sein will, braucht man andere Leute, die auch versuchen, das zu sein. Und so übt die Gruppe Druck auf alle ihre Mitglieder aus, sich anzupassen. Die Unangepassten werden geächtet. Und alle die zurückbleiben fühlen sich gut, denn sie sind nur von gleichgesinnten Leuten umgeben.

Aber die wirkliche Welt besteht nicht aus Leuten, die genauso denken wie du. Oder die, um ehrlicher zu sein, vorgeben so zu denken, wie sie sich vorstellen, wie du denkst, um so deine Anerkennung und die der restlichen Gruppe zu gewinnen. Wenn es das ist, was wir in unseren Sanghas kultivieren, dann tun wir absolut niemandem irgendetwas Gutes.

Noch tückischer als der Zwang andere so zu verwandeln, wie sie unserer Meinung nach sein sollten, ist der Zwang uns selbst in unsere eigenen Ideale zu verwandeln. Aber diese Ideale basieren immer auf derselben Gier, Wut und Täuschung, die wir versuchen durch unsere Praxis loszuwerden. Deswegen zielt Zen auf absolut nichts, außer darauf, dem, was gerade präsent ist, zu erlauben sich klar zu manifestieren. Paradoxerweise können wir, wenn wir das tun, wirklich sehen, was in unserem Leben geändert werden muss und sehen klar, was hier und jetzt getan werden muss, damit das passiert.

Kodo Sawaki erzählte eine Geschichte, in der er das Werden zu einem Buddha mit dem Werden zu einem Dieb vergleicht. Um ein Dieb zu werden, musst du nicht Jahr für Jahr üben, um zum idealen Dieb zu werden. Du läufst einfach in einen Plattenladen wie Amoeba Records, schiebst dir die neue Metallica CD in deine Tasche und läufst raus. Du wirst wahrscheinlich von den großen kräftigen Kerlen an der Tür geschnappt werden. Oder vielleicht kommst du durch. In beiden Fällen wirst du augenblicklich zum Dieb.

Dasselbe gilt für die buddhistische Praxis. Du wirst ein Buddha, indem du Zazen sitzt. In dem Moment, in dem du diese Position einnimmst, bist du ein Buddha. Kein Grund dich oder die Leute um dich herum dazu zu zwingen, sich in irgendwelche, wie auch immer geartete konfuse Ideale, wie Buddhisten sein sollten, zu verwandeln.

Dieser Zwang andere und uns selbst entsprechend unseren Idealen zu verändern ist ein bedeutendes Problem, und eins von dem ich nicht glaube, dass es genug beachtet wird. Es ist die äußere Manifestation eines tiefen Missverständnisses des Buddhismus, welches eigentlich eine Menge von dem antreibt, was heute unter Buddhismus verstanden wird.

Wenn du sagen willst du akzeptierst alles, dann, verdammt, akzeptier jedes verdammte Ding. Nicht nur die Dinge, die du akzeptabel findest.


Das heißt nicht, dass es nicht viele Dinge gibt, die wirklich verändert werden müssen. Aber die Dinge, die wirklich und ernsthaft verändert werden müssen, sind ziemlich offensichtlich.

Dem Buddhismus geht es nicht um Rückzug aus der Realität hin zu einer im eigenen Kopf fabrizierten freundlichen, sanften Welt. Es geht darum diese Welt zu einem besseren Ort zu machen, indem wir sie so sehen, wie sie ist und das tun, was wirklich getan werden muss.


Samstag, 4. August 2007

Der Porno-Buddhist

Offenbar bin ich in gewissen buddhistischen Kreisen seit Neuestem als der „Porno-Buddhist“ bekannt. Scheinbar ist das eine Quelle großer Freude, da – wie ich hörte – diese Buddhisten es genießen, über mich zu lachen. Wie ich darauf komme? Das ist eine etwas längere Geschichte. Aber sie könnte Euch gefallen!

Traditionell ernennt ein buddhistischer Meister im Alter einen Nachfolger. Das läuft schon seit Buddha´s Zeiten so. Grundsätzlich mag ein Meister eine ganze Reihe seiner Schüler ordinieren und sogar auch einigen „den Dharma übertragen“. Die Dharmaübertragung ist etwas schwierig zu erklären. Im Wesentlichen geht es darum, dass du in den Augen des Meisters ein wenig weiter bist als der gewöhnliche „Mönch“, weil Du ein besonderes Verständnis erlangt hast, welches der Meister erkennt. Es gibt auch andere Gründe, warum die Übertragung erfolgt. Aber das tut hier nichts zur Sache. Obwohl ein Meister also eine unbegrenzte Anzahl an Ordinationen und Dharmaübertragungen vornehmen kann, ernennt er traditionell nur einen Nachfolger.

Mein Lehrer Gudo Nishijima hat mich vor kurzem zu seinem Nachfolger ernannt. Das mag ziemlich toll klingen. Tatsächlich fühlte ich mich eher verwirrt und besorgt. Denn ich habe gesehen, wie diese Dinge laufen. Sobald der Meister einen Nachfolger ernannt hat, werden all die anderen Leute, die es gern geworden wären, deswegen ziemlich sauer. Natürlich wird das Ganze noch komplizierter, wenn der Meister vor seiner Entscheidung stirbt. Wenigstens ist mein Lehrer zum Glück noch sehr lebendig und wohlauf.

Dieser Kram ist sicherlich nicht typisch buddhistisch. Aber es ist ziemlich enttäuschend zu sehen, dass es in einer Gruppe von Leuten, die sich als Buddhisten verstehen, genauso läuft wie anderswo auch. Man erwartet einfach mehr. Ich erwarte Besseres. Dieses Verhalten ist ganz einfach nicht buddhistisch. Aber im wirklichen Leben laufen die Dinge nun mal so ab.

Also druckste ich herum und zögerte etwas, die Ernennung anzunehmen, weil ich mir nicht sicher war, ob ich ausreichend für den unvermeidbaren Angriff gerüstet wäre. Letztlich entschied ich, dass es besser wäre, es einfach hinter mich zu bringen. Also sagte ich Nishijima, dass es in Ordnung wäre, wenn er die Nachricht verkünden wollte.

Als es publik wurde, begann auch schon das Gezeter. Ich habe schon davon geschrieben. Anstatt aber wieder schnell zu verschwinden, hält die Verstimmung einiger Leute an. Das Neueste ist eben mein Spitzname „der Porno-Buddhist“. Ich schätze, das liegt daran, dass ich die Kolumne für die netten Leute bei Suicide Girls schreibe.

Ich will mich jetzt hier auch gar nicht als der arme kleine Bradley hinstellen, der sich nur um seinen Kram kümmerte, als plötzlich alle Leute wütend auf ihn wurden. Mir war klar, wenn ich für Suicide Girls schreibe, würde irgendwann dieser ganze Mist passieren. Allerdings hätte ich es nicht von Leuten erwartet, die vorgaben, meine Freunde zu sein. Das ist ziemlich traurig. Zudem erwarte ich von Leuten, die sich als Buddhisten verstehen, mehr. Wie auch immer: die sind alle von meiner Weihnachtskartenliste gestrichen. Darauf könnt ihr Gift nehmen.

Dazu muss ich sagen, dass sowas nicht nur in unserer Linie vorkommt. Tatsächlich gehen wir wohl sogar besser damit um, als manche andere. Viel besser. Zumindest bislang. Meistens geschieht so was hinter den Kulissen und oft weitaus heftiger.

Sei´s drum. Kommen wir zu meinem Image als Porno-Buddhist. Als diese Anschuldigung erhoben wurde, empfahl mein Meister meinen „Freunden“ ein Kapitel namens „Blumen im Raum“ aus Dogens Shobogenzo zu lesen. Das ist wie der Muppetshow-Sketch „Schweine im Weltraum“, nur mit Blumen anstelle von Schweinen. Er meinte, es erhelle die buddhistische Haltung in Bezug auf die Lenkung des sexuellen Verlangens.

Ich werd´ hier nicht das ganze Kapitel diskutieren. Besorg Dir Teil III des Shobogenzo beim Buchhändler um die Ecke, wenn es Dich interessiert. Es geht besonders um eine Zeile, in der Dogen einen alten Chinesischen Zenmeister zitiert:

"Durch das Entfernen von Störungen verdoppeln wir die Krankheit."

Dogen kommentiert das: "Wir sind bislang nicht frei von Krankheit gewesen: wir hatten den Buddhavirus und den Patriarchenbazillus. Intellektuelles Ausschließen verstärkt und verschlimmert die Krankheit. Schon der Moment der Beseitigung selbst ist unvermeidbar Störung. Dies geschieht gleichzeitig und ist jenseits von Gleichzeitigkeit. Störungen beinhalten immer die Tatsache des Versuches sie zu beseitigen."

Wir alle haben sexuelles Verlangen. Da ist nichts spezifisch Falsches dran. Wir brauchen sexuelles Begehren, um als Spezies zu überleben. Weder Dogen noch Buddha selbst wären ohne das sexuelle Verlangen ihrer Eltern jemals geboren worden. Wenn Du glauben willst, dein Heiland sei geboren worden, ohne das vorher jemand Sex hatte: nur zu. Wie auch immer: die Zeile bezieht sich nicht speziell auf sexuelles Verlangen, sondern auf das generelle Konzept von Störungen.

Viele Leute versuchen eine Art spirituelle Reinheit zu schaffen. Dazu versuchen sie oft, alles zu beseitigen, was diese Reinheit stören könnte. Dogen aber sagt, dass Ausschluss die Seuche verstärkt und verschlimmert. Weiter sagt er: „Schon der Moment der Beseitigung selbst ist unvermeidbar Störung.“ Es gibt nur einen Grund, warum wir etwas als Störung bezeichnen: weil wir wünschten, es wäre nicht da. „Störungen beinhalten immer die Tatsache des Versuches, sie zu beseitigen.“ Ist´s nicht so?

Das ist der tatsächliche Schlüssel zum Verständnis des Buddhismus. Buddhistische Praxis versucht, alles aufzudecken. Das ist es, was wir tun, wenn wir Zazen sitzen. Es mag wie nichts aussehen. Aber wir setzen uns uns selbst aus. Viele von uns mögen nicht, was sie sehen. Aber wir fahren fort, bis jeder Stein umgedreht wurde, und jede quiekende hässliche Wanze darunter das Tageslicht erblickt hat.

In der heutigen Zeit kann niemand darauf hoffen, von Bildern begehrenswerter Objekte verschont zu bleiben. Für euch, die ihr das hier lest, sind solche Bilder 24 Stunden am Tag nur einen Mausklick entfernt – sogar noch schneller, wenn Du Abonnent bist. Wie lebt man in einer solchen Welt?

Das ist eine entscheidende Frage. Aber wie alle wichtigen Fragen ist es keine, die ich oder irgendjemand anderes für dich beantworten kann. Du musst deinen eigenen Weg finden. Den einzigen Rat, den ich dir geben kann, ist, immer wieder das Gleichgewicht zu suchen. Wenn die Dinge zu aufregend werden, ist das ein Problem. Jedes Hoch hat ein ihm entsprechendes Tief. Ich wette, dass glaubst du nicht. Die meisten von uns tun das nicht. Wir glauben, eines Tages das ewig währende Hoch zu erleben. Ich kann dich nicht daran hindern, danach zu streben. Aber ich kann zweifellos behaupten, dass so etwas nicht existiert. Es liegt nicht in der Natur der Dinge, dass es irgendwo so was gibt.

Diejenigen, die auf Reinheit und Rechtschaffenheit hoffen, versuchen immer zu zerstören, was sie stört. Aber sie suchen an der falschen Stelle. Sie glauben, die Störung käme von außerhalb ihrer selbst. Ich schätze, meine Dharmabrüder glauben, ihr Problem sitzt, von Plastikmonsterspielzeug und üppigen Suicide Girls (Ach ja, schön wär´s!) umgeben, in goldene Roben gekleidet und mit einem Stock wedelnd, drüben in einem Apartment in West Hollywood. Aber ich habe meine Zweifel. Immer wenn ich mir die Dinge die mich am meisten störten genau ansah, fand ich sie niemals außerhalb. Sie waren immer genau hier. Und da werden sie auch immer zu finden sein.

Samstag, 30. Juni 2007

Komm zu uns!

Am Montag habe ich auf dem LA Film Festival einen sehr interessanten Film namens Join Us gesehen. Es ist eine Dokumentation von Ondi Timoner (ausgesprochen: tih-MOE-ner wie Jonesy aus der Jukebox Jury am Freitag herausgefunden hat), der Regisseurin vom großartigen Dig! - dem Film über die Brian Jonestown Massacre und die Dandy Warhols. Statt auf Rock´n´Roll hat Timoner ihre Kameras diesmal auf einen religiösen Kult in South Carolina gerichtet. Timoner sagt, sie sei interessiert gewesen, einen Film über psychische Manipulation zu drehen, nachdem sie Zeugin der größenwahnsinnigen Taktiken von Anton Newcombe wurde, mit denen dieser seine Bandkollegen auf einer Linie hielt. (Mal so nebenbei: Jedes mal wenn ich zu Hause eine BJM Platte spiele, fragt mich meine Frau, ob ich das bin, so ähnlich ist sich der Stil von BJM und meiner alten psychedelischen Band Dimentia 13)

Dem Film zufolge ist die neue Art von Sekte nicht mehr die riesige internationale Organisation wie die Moonies oder Scientology. Verbreiteter sind heute kleine Sekten von denen man in ländlichen Gegenden niemals was hört. Sie arbeiten völlig unter dem Radar. Es gibt praktisch keine Kontrolle über Gruppen, die sich als religiöse Sekte bezeichnen, und in Amerika kann das praktisch jeder tun. Wenn nicht alle Sektenmitglieder Selbstmord begehen wie bei Jonestown oder Heaven´s Gate, oder andere Menschen umbrigen wie Aum Shinrikyo in Japan, hört man niemals von ihnen.

Der Film begleitet den Zusammenbruch einer solchen Mini-Sekte, einer christlichen Feuer und Schwefel Kirche, angeführt von dem charismatischen deutschen Einwanderer Raimund Melz. In vertraulichen Gesprächen mit früheren und gegenwärtigen Mitgliedern der Melz-Sekte und sogar mit Melz selbst erfahren wir, wie aus einer einst eher gutartigen kleinen Landkirche etwas ziemlich beängstigendes und potentiell gefährliches geformt wurde.

Aus der Erfahrung mit meiner Dokumentation Cleveland´s Screaming habe ich gelernt, dass es selbst einer sachlichen Reportage zuträglich ist, einen Helden und einen Schurken zu haben. Der Held von Join Us ist die eine tapfere Seele, welche der Sekte entfloh und seine Brüder drinnen aufklärte, an was für einer tückischen Sache sie sich beteiligen, was letztlich weitesgehend zum Sturz der Kirche führte. Natürlich gibt es sie auch heute noch, aber die Mountain Rock Church ist ein bloßer Schatten ihres früheren Selbst, obwohl der Film behauptet, dass Melz über 5 Millionen Dollar aus seinen Schülern gesaugt hat. Melz und seine Frau sind die Schurken des Stücks.

Aber als ich den Film sah, hatte ich letztlich viel größere Sympathie, beziehungsweise jedenfalls Emphatie, mit Raimund Melz als mit seiner aufgebrachten früheren Gemeinde. Als der Anführer meines eigenen Kultes kann ich seine Seite der Geschichte deutlicher sehen, als die der vermeintlichen Helden des Films. Ich sitze da und denke „Wie bekomme ich meine Anhänger dazu, mir eine Flotte von Sportwagen zu kaufen, mir eine ganze Wohnsiedlung von kostenlosen Häusern zu bauen, welche ich dann wiederum zu überhöhten Preisen an sie vermieten kann? Wie kommt es, dass ich mein eigenes Geld nehmen muss, um das Hill Street Center für Retreats und Zazen-Kurse zu mieten, und damit jeden Monat einen immensen Verlust mache, weil nur 5 Leute vorbeikommen? Was soll das? Verdammt, vielleicht sollte ich 185 $ pro Sitzung berechnen und alle hypnotisieren, so das sie am Ende des Tages denken, dass sie erleuchtet seien…“

NEIN!NEIN!!NEIN!!! Ich scherze! S-C-H-E-R-Z-E. OK? Mal im Ernst ich verstehe Melz besser als seine Anhänger. Lass mich das etwas näher erläutern.

Die ehemaligen Mitglieder der Mountain Rock Church wollen Pastor Melz für die schrecklichen Dinge, die er sie tun ließ, teuer bezahlen lassen. Der Film verfolgt ihre Bemühungen eine Mehrere-Millionen-Dollar-Klage gegen ihr früheres Oberhaupt aufzuziehen. Man erfährt von ihrem Wunsch, dass Melz so qualvoll wie möglich sterben solle. Ein Ex-Mitglied sagt, er hoffe sie können Melz hinter Gitter bringen, da er andernfalls den Mann den er einst für so heilig hielt möglicherweise höchstpersönlich umbrächte.

Als ich mir das weiter ansah und anhörte, dachte ich darüber nach, was nun die eigentlichen Anschuldigungen sind. Melz wird des Planes bezichtigt, seine Jünger verschiedene Häuser bauen zu lassen, welche auf Gottes Geheiß – vermittelt durch Melz freilich – sogleich dem Pastor übergeben werden sollten, damit die Kirche (d.h. Melz) an ihnen verdienen kann. Der Pastor wird darüber hinaus beschuldigt seine Gemeindemitglieder angewiesen zu haben, ihre Kinder für jede kleine Ungehorsamkeit blutig zu schlagen. Melz soll die „richtige Art“ Strafe auszuteilen demonstriert, und die Kinder gelegentlich auch selbst geschlagen haben. Im Großen und Ganzen kamen die wirklich abscheulichen Bestrafungen allerdings von der Hand der liebenden Eltern.

Aufgepasst, Leute! Folgendermaßen: Wenn Du etwas tust, bist Du verantwortlich dafür. Ganz egal wer Dich dazu angestiftet hat, selbst wenn es Gott höchst persönlich war. Das Gesetz von Ursache und Wirkung bietet Dir kein Hintertürchen, durch das Du Dich heraus schleichen kannst. Es ist mir ziemlich egal, was der Große Heilige Mann oder das Große Heilige Buch Dir erzählt, was es für besondere Ausnahmen gibt, oder welches Gericht Dich letztlich freispricht. Du bist immer noch voll verantwortlich, unter allen Umständen, jederzeit, im ganzen Universum, für immer und ewig, Amen!

Ich kann Menschen, die ihre Verantwortung für die Dinge, die sie getan haben, von sich wegschieben nicht ausstehen, egal unter welchen Zwang sie standen. Klar, es ist nicht einfach zu allen Forderungen, die von außen an einen herangetragen werden, „Nein!“ zu sagen. Manchmal musst Du das aber einfach machen. Das macht den Helden des Films eigentlich heldenhaft - er geht einfach. Genauso wichtig ist es aber auch, gar nicht erst in so eine Scheiße zu geraten.

Das führt uns zu einem anderen Thema. Anders als die ehemaligen Mitglieder der Melz-Kirche uns glauben machen wollen, sind Sektenanhänger niemals einfach nur kleine unschuldige Dinger die von großen, bösen, schmutzigen und gierigen Typen hinters Licht geführt werden, weil die armen kleinen reh-äugigen Schätzchen es nicht besser wussten. Es sind Menschen, die unbedingt reingelegt werden wollen.

Mann, ich merke das manchmal bei einigen Leuten die bei mir vorbeikommen oder E-Mails schreiben. Ich ziehe sie nicht besonders an – eher stoße ich sie mit meiner Art von ganz allein ab – weswegen ich mich selbst nicht so häufig mit Ihnen auseinandersetzen muss. Aber ich höre oft von Typen, die ernsthaft nach jemandem wie Melz, Charles Manson, bin Laden, oder Hitler suchen. Es ist ziemlich beängstigend zu wissen, dass die wirklich schlimmen Fälle nicht aufhören zu suchen, bis sie entweder einen Größenwahnsinnigen oder zumindest einen armen Trottel finden, den sie in den korrupten Anführer verwandeln können, den sie sich so sehr herbeisehnen. In den Fragen mancher Menschen kann man die tiefe Sehnsucht nach jemandem, der ihnen sagt, was sie tun, fühlen und denken sollen, förmlich greifen. Manche der wirklich traurigen Fälle wollen – von allen ausgerechnet !!! – mich als großen Meister, der sie – freilich ohne ihr eigenes Zutun – in das gelobte Land führt.

Ich kann die große Enttäuschung spüren, wenn ich mich weigere dieser jemand zu sein. Und das ist manchmal wirklich hart für mich. …wenn ich doch nur derjenige sein könnte, der sie glücklich macht… Aber ich weiß, wohin das führt, und weigere mich, da mitzumachen. Ganz oft sind solche Menschen sehr geschickte Manipulatoren, die genau wissen, wie sie ihren Meister anpacken müssen, um ihn dazu zu bekommen, ihnen zu erzählen, dass Gott sie all´ die schlimmen Dinge tun sehen möchte, die sie sich innerlich so sehr herbeisehnen. Manch ein anständiger Lehrer meines Faches läuft einfach weg, wenn er so unter Druck gesetzt wird, und verweigert sich Anhängern jeder Art vollkommen. Es gibt eine Geschichte über Kobun Chino, den Meister meines ersten Zen-Lehrers, wie er einem Typen ausgesetzt war, der ihn unbedingt zu seinem Guru machen wollte. Kobun entschuldigte sich, und flüchtete aus dem Fenster des Badezimmers. Das kann ich gut verstehen. Auf Anführern jeder Art von religiösen Organisationen lastet großer Druck, der starke Papi oder die fürsorgende Mami für die Versammlung zu sein.

Der Grund ist ziemlich elementar. Wie jemand in dem Film betont, haben Menschen die längste Periode der Abhängigkeit aller Tiere, die wir kennen. Im Gegensatz zu Wesen, die innerhalb weniger Monate, wenn nicht sogar Wochen, Tage oder Stunden vollkommen unabhängig von ihren Eltern werden, können wir Jahrzehnte unter den Flügeln von Mama und Papa verbringen. Manche von uns leben niemals eigenständig, sondern verbringen stattdessen den Rest ihres Lebens mit der Suche nach neuen Eltern, die ihnen nen Lolli kaufen, wenn sie lieb waren, und den Arsch versohlen, wenn sie Scheiße gebaut haben. Und da sie schon mal dabei sind, können sie diesen Arsch auch gleich noch abwischen und kostenlose Unterkunft und Verpflegung obendrauf legen. Wir tun alles, um unseren neuen Eltern zu zeigen, dass wir artige Kinder sind.

Das soll freilich nicht die ganzen fiesen Sektenführer von ihrer Verantwortung davon freisprechen, was ihre Anhänger unter ihrer Führung anstellen. Natürlich tragen sie Verantwortung. Aber ein Guru hat nicht im ganzen Stück nur nen Monolog. Man kann keinen Sektenführer sein, ohne eine Sekte, die man führt. Die Monolog-Guru-Typen sind die, die an der Straßenecke stehen und von allen ignoriert und ausgelacht werden.

Ich vermute, Timoner wird das alles auch so verstanden haben. Gleichzeitig musste sie aber wohl ein Übergewicht auf die Darstellung der Geschichte der ehemaligen Mitglieder der Mountain Rock Church legen, damit sie diese überhaupt vor die Kamera bekommen hat. Dazu kommt Melz aber auch wirklich schlecht weg, wenn er denn mal die Gelegenheit erhält zu sprechen.

Beim Interview nach dem Film sprach Timoner darüber, wie normal alle in der Kirche waren, und dass auch sie dieser Sekte einfach hätte beitreten können. Jeder könnte das, sagte sie. Das ist nur zu wahr! Ich war in jungen Jahren ebenfalls reif, von einer Sekte eingesammelt zu werden, und habe darüber in Hardcore Zen geschrieben. Lest es nach, meine Freunde.

Über Sekten verschiedenster Religionen habe ich viel gelesen und viele Filme gesehen. Bei dem Großteil davon geht es darum, dass die Sektenjünger letztlich voll verantwortlich sind, wenn sie die Anweisungen ihrer Meister ausführen. Aber ich kann nicht ein einziges Buch oder einen Film nennen, der sich damit befasst, wie die Basis der Sekte dazu beiträgt, ihre „teuflischen“ Anführer dazu zu machen, was sie werden. Das ist keine Sache, die von einem Typ oder einer Gruppe, der oder die Befehle gibt, einfach so zu den Leuten, die diese dann ausführen nach unten durchläuft. Sie sind keine getrennten Wesen, sondern eine Art Gruppenorganismus, zu dem jedes Gruppenmitglied gleichrangig beiträgt.

Wie auch immer. Ich empfehle den Film wärmstens! Es ist ein interessantes Stück über ein wichtiges Thema.

Ich hoffe, Timoner ist auch da, wenn meine Sekte so richtig durchstartet! ;-p

Mittwoch, 18. April 2007

Soto ist gut

Meine Freundin Tonen O´Connor vom Milwaukee Zen Center hat an einigen meiner Kommentare über die Schule des Soto-Zen in einem früheren Beitrag Anstoß genommen. Deswegen dachte ich, das ganze nunmehr etwas klarzustellen. Ich liebe die Soto-Schule. Einige meiner besten Freunde sind Teil der Soto-Schule.

In allem Ernst – auch als Witzbold – : Ich habe wirklich keine großen Probleme mit der Soto-Schule. Beide meine Lehrer waren (sind) Sototypen. Tonen ist Teil von Soto. Die meisten Orte an denen ich Reden halte sind irgendwie mit Soto verbunden. Wenn Du den Buddhismus studieren willst, ist es meiner Meinung nach immer noch am Besten einem Lehrer der Soto-Linie zu folgen.

Darüber hinaus gibt es auch eine riesige Organisation in Japan, die sich Soto-shu nennt. Wie Du im oben verlinkten Wikipediaeintrag nachlesen kannst, gibt es 14700 Soto-Tempel mit 7 Millionen Anhängern. Es ist ´ne ziemlich große Maschine. Ich habe sehr wenig mit dieser Maschinerie zu tun, obwohl auch ich eine Mitgliedskarte mit mir ´rumschleppe. Der Lehrer meines ersten Lehrers, Kobun Chino, trat aus ihr aus, glaube ich, obwohl sein eigener Bruder eine zeitlang der Kopf der Organisation war. (Ich bin mir mit Kobun´s Austritt nicht ganz sicher, falls es jemand wirklich genau weiss: Sagt mir Bescheid!) Mein Lehrer Gudo Nishijima wurde vom damals amtierenden Vorsitzenden der Soto-shu (allerdings nicht Kobun´s Bruder) ordiniert, neigt aber immer noch dazu, jegliche Verwicklung mit der Organisation zu meiden. Große Organisationen sind alle ziemlich gleich. Augenscheinlich sind einige schlimmer als andere, und die Soto-shu tut viel mehr Gutes als Schlechtes. Aber, wie alle großen Organisationen, neigt sie dazu, wie eine gigantische Maschine zu funktionieren. Ich hab´s nicht so wirklich mit Bürokratie…

Ich verfolge das „rein & raus“, „wer ist wer“ und „was ist was“ in der Sotoorganisation nicht wirklich. Deswegen kommen die meisten meiner Informationen aus denselben Quellen im Internet, auf die auch jeder andere Zugriff hat. Wie bereits erwähnt, das meiste Zen auf das ich im Netz gestoßen bin, ist - ich wollte gerade „Müll“ sagen , aber ich habe mich gerade noch so davon abhalten können, sieh nur wie erwachsen ich bin! – sagen wir: ich bin einfach nicht daran interessiert. Es ist hauptsächlich jede Menge Krach und Verzerrung mit sehr wenig wirklicher Substanz. Aber ich glaube das liegt daran, dass die meisten guten Lehrer weniger Autoren sind. Warum sollten sie auch? Sie haben viel wichtigere Arbeit zu erledigen, als Zeugs in ihren Laptop zu hämmern und es ins virtuelle Netz zu schießen.

Wie auch immer: Ich wollte nur sicher stellen, dass niemand auf die Idee kommt zu glauben, ich würde alle Soto-Lehrer hassen. Obwohl ich mich manchmal frage, warum es überhaupt jemanden juckt, was ich denke.

Soto

Das ist ein Foto von mir auf der „Suicide Girls Party“ letzte Nacht. Kümmert es Dich wirklich, was so ein Typ darüber sagt, zu welchem buddhistischen Tempel Du gehen solltest? Es liegt nur bei Dir! Geh raus, hör Dir an, was die Lehrer bei Dir um die Ecke zu sagen haben, und entscheide selbst!