Interessanterweise sind kürzlich einige miteinander zusammenhängende Dinge gleichzeitig passiert. In den letzten paar Wochen habe ich drei oder vier Emails von Leuten aus dem Militär erhalten, in denen sie mir mitteilten, wie sehr ihnen meine Bücher gefallen haben. Einer hat Hardcore Zen gelesen, während er im Irak stationiert war. Und ziemlich zur gleichen Zeit habe ich einige andere Emails erhalten, in denen Besorgnis über Leute beim Militär, die Buddhismus praktizieren, zum Ausdruck gebracht wurde. Diese anderen Emailer schienen davon überzeugt zu sein, dass jeder beim Militär, der sich für buddhistische Praxis und Philosophie zu interessieren beginnt, unmittelbar gezwungen sei, fahnenflüchtig zu werden und den Wehrdienst zu beenden. Und hier ist er, der Veteran´s Day, der perfekte Tag, um einen Artikel zum Thema zu veröffentlichen.
Ich fühle mich sehr geehrt dadurch, dass Leute von den Streitkräften mein Zeugs lesen. Ich frage mich manchmal, wie viele andere buddhistische Autoren Fans beim Militär haben. Einige sicher. Aber viele buddhistische Schriftsteller sind derart vehement politisiert, dass ich mir vorstellen kann, dass sie Menschen, die einer Arbeit dieser Art nachgehen, eher davon abhalten, sich mit Buddhismus zu beschäftigen. Das ist eine Schande.
Der Titel dieses Artikels ist eine Anspielung auf einen Autoaufkleber, den man oft in den USA sieht, und auf dem steht: “Gefällt Euch eure Freiheit? Dankt einem Veteranen dafür!“ Der Buddhismus ist eine praktische Philosophie und eine Praxis für die reale Welt, die, in der wir tatsächlich leben, und nicht eine idealistische Religion, in der wir uns die fantastische Welt ausmalen, in der wir gerne leben würden. Ich denke, dass auch wir Buddhisten unseren Veteranen danken sollten.
Ich habe darüber bereits in einem Suicide-Girls-Artikel mit dem Titel “Buddhism Through Violence” geschrieben, daher möchte ich all das nicht erneut hier wiederkäuen. Aber ich möchte nochmal betonen, wie ich es auch in jenem Artikel getan habe, dass ich nicht glücklich über die Tatsache bin, dass unsere Freiheit den Buddhismus zu praktizieren durch Gewalt, oder zumindest die Androhung von Gewalt, geschützt werden muss. Aber ob ich damit glücklich bin oder nicht, ändert nichts an den Tatsachen. Wir können in der Welt nur Veränderung bewirken, wenn wir uns zunächst damit arrangieren, in was für einer Welt wir tatsächlich leben.
Dienstag, 11. November 2008
Gefällt Euch Euer Buddhismus? Dankt einem Veteranen dafür!
Montag, 21. Juli 2008
Das Leben ist häßlich, warum nicht Selbstmord begehen?*
In meinen Artikeln für Suicide Girls (dt.: Selbstmord-Mädchen) habe ich mich oft mit Mädchen befasst, aber selten mit Selbstmord. Letzte Woche hat ein Freund von mir einen Selbstmordversuch unternommen, aber Gott sei Dank ohne Erfolg. Vor 25 Jahren hat es ein anderer Freund erfolgreich versucht, und das geht mir noch immer an die Nieren. Als ich in Chicago lebte, spielte meine Band immer in einem Schuppen namens „Batteries“, der von Jim Ellison von der Band Material Issue gebucht wurde. Ich war ziemlich fertig, als ich herausbekam, dass er sich 1996 das Leben genommen hatte. Ihr Song „Valerie Loves Me“ wurde in einem Club gespielt, den ich diese Woche besuchte, was mich nur noch stärker dazu veranlasste, über Selbstmord und seine Konsequenzen nachzudenken. Ich kannte einige Leute, einschließlich eines Onkels und eines Arbeitskollegen, die langsamen Selbstmord begingen, indem sie sich selbst zu Tode tranken. Und ich selbst war auch ziemlich nahe daran, die Tat zu begehen.
Wir führten oft lange philosophische Debatten am Küchentisch des Punk-Hauses in der Nähe des Akroner Krankenhauses, wo fast jeder aus der Szene Tag und Nacht abzuhängen schien. Während einer dieser Debatten stimmten fast alle der Behauptung zu, dass der Suizid eine vertretbare Möglichkeit ist und dass es dem Individuum alleine obliegt, zu entscheiden, ob es ihn begeht oder nicht. Ich bin nicht sicher, ob ich der Einzige war, der nicht zustimmte. Aber ich war bestimmt in der Minderheit. Ich glaube, dass viele „alternative“ Leute so ähnlich denken wie meine Freunde damals und Selbstmord für eine akzeptable Option halten.
Die meisten Religionen verbieten Selbstmord und stellen denen, die sich das Leben nehmen, fürchterliche Bestrafungen in der nächsten Welt in Aussicht. Ich bin sicher, dass sich beim Durchgraben der buddhistischen Literatur irgendeine Abwandlung davon auffinden ließe. Es muss irgendwo einen Sutra- oder Vinaya-Text geben, der angibt, welche zukünftige Inkarnation jene erwartet, die Selbstmord begehen. Aber ich kenne ihn nicht, da ich ein ziemlich lausiger buddhistischer Gelehrter bin. Das alleine sagt aber schon etwas aus. Denn, selbst wenn solch ein Text existiert, wird die Sache nicht großartig hervorgehoben. Es gibt eine Reihe wissenschaftlicher Artikel über das Thema im Internet. Hier ist einer. Hier ist ein anderer. Und hier ist noch einer.
Menschen bringen sich um, um ihrem Leiden ein Ende zu bereiten. Ian Curtis hat es getan, um sein Leiden wegen seiner Ehe und seiner Finanzen zu beenden. Pete Ham brachte sich um, weil er wegen des Schicksals von Badfinger, der weltbesten Power-Pop Band, litt. Kurt Cobain brachte sich um, um sein Leiden wegen all der Bauchschmerzen zu beenden. Natürlich sind das alles grobe Vereinfachungen. Aber es ist klar, dass all diese Leute, genau wie alle anderen, die sich je das Leben nahmen, dies getan haben, weil sie den Selbstmord als einen Weg aus dem Leiden heraus ansahen. Es ist sicher nicht etwas, das man nur so zum Spaß macht.
Aber die Vorstellung, dass der Selbstmord dein Leiden beendet, kommt von dem Glauben, dass du und die Welt, in der du lebst, zwei verschiedene Dinge sind. Du glaubst, dass du diese Welt und damit das Leiden hinter dir lassen kannst. Aber meine Sicht nach Jahren der Zazen-Praxis ist, dass das nicht stimmt. Ich habe lange Zeit damit verbracht, die Grenzlinie zwischen dem, was ich als „mich“ bezeichne, und dem, was ich „Rest der Welt“ nenne, verschwimmen und verschwinden zu sehen. Ich bin nicht länger sicher, wo die trennende Linie ist. Mich beschleicht sogar der Verdacht, dass dieser Buddha-Typ möglicherweise richtig gelegen hat, als er sage, dass sie gar nicht existiert. In der Tat hatte ich ein paar Momente, in denen diese offenbar lächerliche Vorstellung sich mir derart aufgedrängt hat, dass ich sie nicht verleugnen kann.
Daher geht das, was ich hier zu sagen habe, etwas weiter als die alte “The Show must go on”-Tour, wo Leute argumentieren, dass du deinen Freunden und deiner Familie gegenüber die Verantwortung trägst, dich nicht in die Luft zu jagen und dein Gehirn ins Treibhaus hinaus zu schleudern. Du hast eine Verantwortung gegenüber dir selbst und sogar vor dem Universum als Ganzem, es nicht zu tun. Selbst wenn der Selbstmord das unmittelbare Problem löst, indem er eine miese Beziehung beendet oder deinen Bauchschmerzen ein Ende setzt, schwappt das Leiden, von dem du glaubtest, es gehöre dir alleine, wie eine Welle auf Teile des Universums über, die du als von dir getrennt zu betrachten gelernt hast. Für mich ist es unmöglich zu glauben, dass selbst die Person, die stirbt, nicht in einer gewissen Weise nach dem Selbstmord genauso weiter leidet wie zuvor. Ich glaube nicht länger, dass es möglich ist, diese Welt zu verlassen. Und weiter will ich darüber nicht spekulieren. Alles was ich über die Mechanismen sagen könnte, die daran beteiligt sind, dies zu ermöglichen, wäre bloß ein Haufen stinkender Gehirnfürze. Dennoch habe ich ein tiefes und unerschütterliches Gefühl, dass es stimmt.
* Der Titel des Artikels kommt von einem Punkrock Compilation Album, das etwa 1979-1980 von New Underground Records veröffentlicht wurde. Darin sind Titel von den Descendents und Red Cross enthalten. Ich hätte gerne eine Pressung davon oder von seinem Nachfolger „Life Is Beautiful So Why Not Eat Health Foods“.
Montag, 2. Juni 2008
Spiritueller Krempel
Spiritueller Krempel, spiritueller Kack
Pack ´nen Haufen von dir in einen Sack
Nehm dich mit nach Haus
Und Stell dich dort aus
Werd dann transzendieren
Das illusorische Ich in meinem Hirn
Spiritueller Kram ist natürlich der ganze spirituelle Mist, den du in New Age Buchläden und Konsorten finden kannst. Heilkristalle, kleine Amuletts, diese kleinen Armband Dinger mit den Perlen drauf ...
Kann sein, dass es daran liegt, dass ich zu meiner Tätigkeit als spiritueller Lehrer gekommen bin wie die Jungfrau zum Kind. Ich wollte niemals ein spiritueller Lehrer oder, schlimmer noch, ein spiritueller Führer sein. Ich nehme aber an, dass viele Typen in dieser Szene es wollten. Dies war ihr Kindheitstraum. Sie übten vorm Spiegel und wünschten und hofften und machten endlich ihren Traum war. Gut für sie.
Letzten Samstag bei unserem wöchentlichen Zazen Treffen im Hill Street Center brach zwischen den üblichen zehn Leuten, die dort erscheinen, eine Diskussion darüber aus, wie wir unsere Tätigkeit ausweiten könnten. Ich sagte den Leuten dort, dass ich nicht den Wunsch habe, irgendetwas in der Art zu tun.
Ein paar von diesen Leuten waren einige Tage vorher zum anderen Ende der Stadt gegangen, um einen anderen Lehrer auszuprobieren. Sie waren erstaunt darüber, dass bei ihm jede Woche zwischen 75 und 100 Leute erscheinen und mit ihm meditieren. Wie kommt es, dass wir immer nur zehn sind? Und wie kommt es, dass wir immer noch Miete zahlen, wo wir doch Spenden sammeln und ein eigenes Zen Center für uns kaufen könnten?
So zu denken ist allerdings problematisch. Zum einen wird Zen Praxis niemals populär werden. Naja, sag niemals „nie“, stimmt's? Aber es wird nicht in nächster Zeit passieren und das ist in Ordnung. Sogar wenn 75 Leute in Hill Street auftauchten, wären trotzdem nur zehn da, denen es ernst ist, plus 65 Leute, die gekommen sind, um unterhalten zu werden. Und ich würde mich lieber nicht mit diesen anderen 65 Leuten beschäftigen müssen, die in die Quere kommen und ein Durcheinander verursachen.
Das Einzige, was diese zusätzlichen Leute wirklich beitragen, ist zusätzliches Geld. Und der einzige Grund, warum man das Geld braucht, ist eine Einrichtung zu schaffen, die diese zusätzlichen Leute unterbringen kann. Es ist wie eine Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt.
Bisher verdiene ich meine Brötchen durch das Schreiben und meine Arbeit im Filmgeschäft. Ich bin glücklich damit. Was das Schreiben angeht, so will ich so viele Bücher verkaufen wie nur möglich. Ich werde das Zeug anpreisen, bis ich den Geist aufgebe. Kein Problem. Kauft ein paar Bücher. Auf der linken Seite ist ein Link, um sie bei Amazon bestellen zu können. Oder seid bessere Menschen und kauft sie in eurem örtlichen Bücherladen. Und klickt jetzt zehn mal auf den Link zu meinen Suicide Girls Artikeln, damit die Leute denken ich hätte viele Leser. Kauft, kauft, kauft!!
Meine Praxis ist allerdings eine ziemlich persönliche Sache. Sie hat mir geholfen und es freut mich, sie anderen zugänglich zu machen. Ich versuche aber nicht, sie zu verkaufen. Ich sitze jeden Samstagmorgen und wenn Leute mitmachen wollen, gut. Wenn nicht, ist es auch gut.
Möglicherweise eröffne ich irgendwann einmal eine Art Zentrum. Ich möchte diese Möglichkeit nicht komplett ausschließen, aber zurzeit bin ich nicht sehr interessiert. Und auch wenn ich eine solche Einrichtung eröffnen würde - unsere Einstellung bliebe dieselbe: Wir sitzen für eine gewisse Zeit des Tages und wer möchte macht mit.
Sonntag, 25. Mai 2008
MINDFULNESS SCHMINDFULNESS
Ich bin so froh, dass Nishijima Roshi einen Blog Eintrag über Achtsamkeit geschrieben hat. Es ist der Artikel vom 24 Mai, 2008, der Link schickt dich nämlich nur zu seinem Blog. Ich habe den ganzen Achtsamkeits-Kram auf jeden Fall ziemlich satt, von daher finde ich es wunderbar, dass ein anderer genauso darüber denkt. Und nein, wir haben niemals über dieses Thema gesprochen.
Schon neulich habe ich gesagt, dass ich den Achtsamkeits-Kult der heutzutage im Buddhismus herangewachsen ist gänzlich zerstören will. Wie Nishijima zeigt, hat das Wort "Achtsamkeit" die Bedeutung bekommen, sich immer tiefer den eigenen Kopf zu verbohren, was niemals Buddhismus ist. Ich glaube, ich habe schon mal darüber gelästert. Aber ich lebe in einem Meditationszentrum, wo verschiedene Lehrer unterrichten, und ich kann dir nicht sagen, wie oft ich schon in meinem Zimmer war und hörte, wie jemand über Achtsamkeit plapperte. Wenn ich dann, nachdem die Gruppe gegangen ist, aus meinem Zimmer komme, finde ich folgendes vor: die Tür ist unverschlossen, die Fenster weit offen und die Stühle überall kreuz und quer verteilt … Was zur Hölle lernen sie dort für eine Art von Achtsamkeit?
Es ist so ein Scheißwort. Egal, nur ein bisschen Werbung für Nishijimas Blog. Und wenn ich schon von Werbung spreche, schau dir hier die für die Zero Defex CD an.
26.05.08
NEUER SUICIDE GIRLS ARTIKEL (Mai, 2008)
und mehr über MINDLESS MINDFULNESS
(SINNLOSE ACHTSAMKEIT)
Hab einen neuen Suicide Girls Artikel veröffentlicht. Wieder einer über Pornos. Ich schwöre, ich werde irgendwann aufhören, immer wieder Artikel über dasselbe Thema zu schreiben. Vielleicht wenn die Leute mich nicht mehr danach fragen.
Gerade erst bin ich aufgewacht, also habe ich nicht vor noch mehr über Achtsamkeit zu erzählen, wenn schon vielleicht später. Die Sache mit den Wörtern im Buddhismus ist so, dass wenn die breite Öffentlichkeit sich an sie hängt und sie auf ihre Art definiert, dann sind die Wörter tot. Ich denke, es ist Zeit das Wort "Achtsamkeit" zu begraben. Es ist einfach nur noch abgedroschen. Und wie gesagt (siehe oben), zielt Achtsamkeit, wenn sie praktiziert wird auf einen nicht ganz klaren Zustand im Kopf des Denkens und Denkens und Denkens, während du dich selbst dazu beglückwünscht, wie achtsam du doch bist. Verschließ die Gott verdammten Türen und Fenster, wenn du das Haus anderer Leute verlässt!
An der einzigen Stelle, von der ich weiß, an der Dogen das Wort Achtsamkeit benutzt, sagt er, "Achtsamkeit ist der Esel, der den Brunnen anschaut. Es ist der Brunnen, der den Esel anschaut. Es ist der Esel, der den Esel anschaut. Es ist der Brunnen, der den Brunnen anschaut."
Er sagt außerdem, "Ohne zu wissen, wer es dir lehrte, denkst du, dass das Bewusstsein eine Funktion des Gehirns ist. Wenn ich sage, dass das Bewusstsein Gras und Bäume ist, glaubst du es nicht."
Und selbstverständlich gebrauchte Dogen das Wort "Achtsamkeit" überhaupt nicht. Ebenso Buddha. Das Wort existierte zu ihrer Lebenszeit nicht einmal. Die englische Sprache selbst existierte nicht einmal zur Zeit Buddhas. Später werde ich das japanische Wort nachschlagen, das Dogen benutzte, und das hier von Nishijima/Cross als "Achtsamkeit" übersetzt wurde*.
Das Ding ist aber, dass die "Achtsamkeit", die heutzutage gelehrt wird, zu implizieren scheint, dass wir achtsam sein müssen. Als ob wir irgendwie über Achtsamkeit verfügen könnten. Nee. Das geht nicht. Achtsamkeit ereignet sich ständig, wir müssen ihr aus dem Weg gehen.
* (Einige Stunden später von Brad W. hinzugefügt. Anm.d.Red.) Sieht so aus, als ob ich einen Fehler gemacht habe! Zum ersten Mal in meinem ganzen Leben (Hallo Trolle)! Ich dachte immer, in der Esel-Brunnen Zeile ginge es um Achtsamkeit. Ich habe es sogar so in mein Buch Sit Down And Shut Up geschrieben. Das beweist, dass man niemals dem trauen kann, was in Büchern steht! Blamabel!!
In Wahrheit steht der Esel-Brunnen Kram im Kapitel "Erzeugt kein Unrecht" (諸悪莫作 SHOAKU MAKUSA, Kapitel 10, Buch 1 der Nishijima Übersetzung des Shobogenzos) und lautet: [Die Beziehung] zwischen dem "Unrecht" und dem "Es-nicht-Erzeugen" ist nämlich nicht [einseitig]. Wenn es so wäre, würde der Brunnen nur den Esel anschauen, [wenn sie sich begegnen,] aber der Brunnen schaut auch den Brunnen an, der Esel schaut auch den Esel an, der Mensch schaut auch den Menschen an, und der Berg schaut auch den Berg an. ( Zitiert aus: Shobogenzo, Band 1, Kristkeitz Verlag)
Nishijima erklärt das Kapitel in seinem Blog genau hier.
Dies bezieht sich auf einen Koan, der im Eihei Koroku steht (永平禅師語録 Die aufgezeichneten Worte von Eihei Zenji, auch bekannt als Dogen). Der Koan lautet:Meister Sozan fragte einst einen Mönch: "Wie ist es, wenn der Dharma Körper der Realität, Form in Übereinstimmung mit den Lebewesen manifestiert, so wie der Mond im Wasser gespiegelt wird?" Der Mönch sagte: "Es ist wie ein Esel, der einen Brunnen anschaut". Sozan sagte: "Du hast ziemlich viel gesagt, aber du hast nur 80 Prozent darüber gesagt" Darauf fragte der Mönch: "Meister, was sagst du?" Sozan antwortete: "Es ist wie der Brunnen, der den Esel anschaut."
Die einzige Stelle, die ich finden kann, in der Dogen sowas wie das Wort "achtsam" benutzt, taucht im Zazengi (坐禅儀) auf, "Anleitung zum Zazen". In der Übersetzung von Kazuaki Tanahashi, welche im Buch Moon In A Dewdrop erschienen ist, heißt es, "sei achtsam auf die vorübereilende Zeit." Ich habe es überprüft. Die original Zeile ist Folgende: 光陰を護惜べし. Carl Bielefeldt übersetzt dies als, "schätze den Wert der vorübereilenden Tage und Nächte hoch." Die beiden Wörter 光陰 und 護惜 sind nicht mehr im allgemeinen Gebrauch. 光陰 Bedeutet ungefähr, "Licht und Dunkelheit". Und nur nebenbei, für die unter euch, die denken ich hätte einen verdorbenen Charakter, zufällig kenne ich das Schriftzeichen 陰 aus dem Wort 陰毛, was Schamhaar heißt, oder wörtlich "Haar in der Dunkelheit". Das Wort 護惜 ist eine Kombination aus zwei Schriftzeichen, die "schützen" (護) und "kostbar" (惜) bedeuten. Das ist das Wort, das Tanahashi als "achtsam" übersetzt. Es ist nicht so weit hergeholt, wie die Übersetzung Brian Victorias von Kodo Sawakis Äußerung "wir hatten es satt zu töten" mit "wir konnten nicht genug vom Töten kriegen". Es ist eine kleine, aber dennoch völlig akzeptable, Übersteigerung hier das Wort "achtsam" zu verwenden.
Pass darauf auf, nicht an Worten festzukleben (sagt ein Typ, der gerade ein paar Stunden seines Urlaubs dem Nachschlagen einiger Wörter gewidmet hat). Sagt nicht, ich hätte nie etwas für euch nachgesehen!
28.05.08
Achtsamkeit (zum tausendsten Mal)
Mein Gott! Ich habe mich zwei Mal geirrt! Die ersten beiden Male in meinem ganzen Leben in denen ich einen Fehler gemacht habe! Was ist nur los?
Danke an Ted Biringer und Dosho Port für das Auffinden weiterer Stellen, an denen das Wort "Achtsamkeit" oder Ähnliches in Dogens Schriften noch auftaucht. Die längste und vollständigste Erklärung, die er darüber gibt, bietet das Kapitel SANJUSHICHI-BON BODAI BUNPO 三十七品菩提分法. Dies ist das Kapitel 73 des 95 Kapitel-Shobogenzo und erscheint als das erste Kapitel im 4 Buch der Nishijima/Cross Übersetzung oder im Kapitel 1 von Buch 10 in der Shobogenzo Übersetzung Nishijimas ins moderne Japanisch. 現代語訳正法眼蔵, welches auch Dogens tatsächliche Worte enthält).
Hier ein bisschen von dem, was Dogen sagt:"Bewusstheit" als eine Wurzel ist eine Ansammlung roten Fleisches, [ein Mensch, der] wie ein kahler Baum ist. Eine Ansammlung roten Fleisches nennen wir "einen kahlen Baum", und ein kahler Baum zu sein, ist die Wurzel der Bewusstheit. Ihr seid diese Bewusstheit, wenn ihr euch selbst im Dunklen ertastet. Es gibt eine Bewusstheit des Körpers und eine Bewusstheit, in der ihr euch euer selbst nicht bewusst seid. Es gibt eine Bewusstheit, in der Gedanken und Empfindungen auftreten, und eine Bewusstheit, in der ihr euch eures Körpers nicht bewusst seid.
Das Wort, das in der (engl.) Nishijima/Cross Übersetzung als Mindfulness übersetzt wird, ist 念. (In der deutschen Kristkeitz Übersetzung "Bewusstheit", Anm. d. Red.). Im modernen Japanisch wird dieses Zeichen "nen" ausgesprochen und bedeutet Sinne, Ideen oder Bewusstheit, Gewahrsein. Im gewöhnlichen Gebrauch erscheint es in Worten wie 残念 (zanen) "bedauerlich", bei dem sich das erste Zeichen auf Dinge bezieht, die gewöhnlich als fehlend gedacht werden oder 念入り (neniri) "vorsichtig" bei dem das zweite Zeichen in etwa "hinzufügen" oder "eintreten" bedeutet. Im nicht buddhistischen Kontext wird das Wort 念 gewöhnlich nicht als Mindfulness übersetzt. "Mind", ohne "-fulness" ("Geist", ohne "-Anfüllung/Fülle") könnte auch eine gute Lesart für 念 sein. Versuchs mal auf diese Weise und schau, was es dir sagt. Ist ein bisschen anders, oder?
Bewusstheit [oder die natürliche Fähigkeit, in der Gegenwart zu sein,] ist ohne Zweifel die Lebensgrundlage aller Menschen auf der ganzen Erde, und sie ist die Lebensgrundlage aller Buddhas der zehn Richtungen. In einem Augenblick der Bewusstheit mag es viele Menschen geben, und in einem Menschen gibt es viele Augenblicke der Bewusstheit. Dennoch gibt es Menschen, die Bewusstheit haben, und solche, die sie nicht haben. Ein Mensch lebt nicht unbedingt im Zustand der Bewusstheit und die Bewusstheit selbst hat nicht unbedingt etwas mit einem Menschen zu tun. Selbst wenn dies so ist, ist die Tugend der vollkommenen Verwirklichung da, wenn ihr in der Lage seid, eure natürliche Bewusstheit zu bewahren. ( Zitiert aus: Shobogenzo, Band 4, Kristkeitz Verlag)
Falls du es kompliziert magst, das chinesische Zeichen 念 besteht aus zwei Teilen. Das Zeichen oben 今bedeutet "jetzt", während das 心 unten "Mind" (Geist) oder "Herz" bedeutet. Im buddhistischen Kontext wird 心 im Englischen meist als "Mind" übersetzt. Also, wer auch immer sich das Zeichen erdacht hat, schien wohl den Zustand des Geistes genau im Jetzt herauszustellen zu wollen. Wofür auch immer meine Sprachanalyse gut sein soll, sie ist nicht viel wert. Nur ein bisschen Kanji Spielerei für euch alle. Nishijima erzählte mir einst die Geschichte, wie er einen Bibelgelehrten in Israel besuchte. Der Besuch, sagte er, zeigte ihm "die Gefahren des Glaubens an alte Texte." Wir verfangen uns in Streitereien um Wörter, die unglaublich blöd sind, selbst wenn sie sich verdammt schlau anhören.
Der Punkt ist, dass das Wort "Mindfulness" im aktuellen Gebrauch, solch ein unsinniger Begriff geworden ist, dass er mehr schadet als nützt. Es ist Zeit ihm die Luft raus zulassen und ihn aus seinem Elend zu stoßen.
Fuck mindfulness.
Meine Freundin Tonen erzählte mir die Geschichte, dass, während sie in Japan war, ihr ein Zen Meister, den sie dort traf, erzählte, dass Amerikaner, die seinen Tempel besuchten, sich bei ihm immer überschwänglich darüber ausließen, wie achtsam sie doch wären. "Steckt eure Video Kameras weg," sagte er ihnen, "Ihr nehmt euch nur selbst beim achtsam sein auf!"
Beim Lesen von dem, was Dogen schrieb, wird klar, dass das Wort 念 weitestgehend missverstanden wurde, sogar zu seiner Zeit unter den Leuten, zu denen er sprach. Deswegen versuchte er ihr gewöhnliches Verständnis des Wortes auf eine Weise zu verdrehen, wie sie es nicht erwartet hätten.
Auf jeden Fall enthält dasselbe Kapitel die Zeile, "Höre nicht auf die ungenügenden Worte von Zen Meistern und dergleichen." Da habt ihr's!
Montag, 10. März 2008
Was bringt mir Zazen?
Am Sonntag habe ich die erste von drei Sitzungen bei Karuna Yoga in Los Feliz (L.A.) geleitet. Es war eine gute Sitzung, obwohl drei Leute abgewiesen wurden, die eine Stunde zu spät kamen, weil sie nicht mitbekommen hatten, dass an diesem Morgen Zeitumstellung war. Tut mir leid. Ihr habt aber noch zwei weitere Gelegenheiten, es hinzukriegen. Sonntag, den 16. März, um acht Uhr morgens und Sonntag, den 23. März, um die gleiche Zeit. San Francisco Zen Center sagte, dass die Beantwortung dieser Frage umso schwieriger wird, je mehr man Zazen übt. Sehr oft geben Zenlehrer Antworten, die oberflächlich oder herablassend scheinen: „Nix!“ ist eine recht gebräuchliche Entgegnung. Aber wir sind nicht oberflächlich, sondern bloß ehrlich.
ADDENDUM
Warum sollte ich versuchen euch Zen zu verkaufen? Ich kriege kein Geld dafür. Ich bekomme keine Bonuspunkte vom Hauptbüro in der Fukui-Präfektur. Ich bekomme im Himmel keinen Kranz dafür, dass ich mehr Seelen gewonnen habe. Ich habe keinen Grund euch Zen zu verkaufen. Ihr denkt, dass ich durch die Retreats und Vorträge Geld verdiene? Ha! Die Dinger kosten mich immer mein letzes Hemd. Hätte ich keinen Beruf und keine Beschäftigung als Autor, dann könnte ich nicht mal in Betracht ziehen sie durchzuführen. Ich denke, dass die meisten Zenlehrer eine ähnliche Einstellung bezüglich der „Vermarktung“ der Praxis haben. Du willst eine lukrative Karriere? Werd´ bloß kein Zenlehrer.
Die Belohnung, die ich dafür kriegen würde, dass mehr Leute Zen praktizieren, ist eine friedvollere, stabilere Welt. Und das will ich tatsächlich. Also ja, vielleicht versuche ich doch, euch Zen zu verkaufen. Ich nehme alles zurück.
