Offenbar bin ich in gewissen buddhistischen Kreisen seit Neuestem als der „Porno-Buddhist“ bekannt. Scheinbar ist das eine Quelle großer Freude, da – wie ich hörte – diese Buddhisten es genießen, über mich zu lachen. Wie ich darauf komme? Das ist eine etwas längere Geschichte. Aber sie könnte Euch gefallen!
Traditionell ernennt ein buddhistischer Meister im Alter einen Nachfolger. Das läuft schon seit Buddha´s Zeiten so. Grundsätzlich mag ein Meister eine ganze Reihe seiner Schüler ordinieren und sogar auch einigen „den Dharma übertragen“. Die Dharmaübertragung ist etwas schwierig zu erklären. Im Wesentlichen geht es darum, dass du in den Augen des Meisters ein wenig weiter bist als der gewöhnliche „Mönch“, weil Du ein besonderes Verständnis erlangt hast, welches der Meister erkennt. Es gibt auch andere Gründe, warum die Übertragung erfolgt. Aber das tut hier nichts zur Sache. Obwohl ein Meister also eine unbegrenzte Anzahl an Ordinationen und Dharmaübertragungen vornehmen kann, ernennt er traditionell nur einen Nachfolger.
Mein Lehrer Gudo Nishijima hat mich vor kurzem zu seinem Nachfolger ernannt. Das mag ziemlich toll klingen. Tatsächlich fühlte ich mich eher verwirrt und besorgt. Denn ich habe gesehen, wie diese Dinge laufen. Sobald der Meister einen Nachfolger ernannt hat, werden all die anderen Leute, die es gern geworden wären, deswegen ziemlich sauer. Natürlich wird das Ganze noch komplizierter, wenn der Meister vor seiner Entscheidung stirbt. Wenigstens ist mein Lehrer zum Glück noch sehr lebendig und wohlauf.
Dieser Kram ist sicherlich nicht typisch buddhistisch. Aber es ist ziemlich enttäuschend zu sehen, dass es in einer Gruppe von Leuten, die sich als Buddhisten verstehen, genauso läuft wie anderswo auch. Man erwartet einfach mehr. Ich erwarte Besseres. Dieses Verhalten ist ganz einfach nicht buddhistisch. Aber im wirklichen Leben laufen die Dinge nun mal so ab.
Also druckste ich herum und zögerte etwas, die Ernennung anzunehmen, weil ich mir nicht sicher war, ob ich ausreichend für den unvermeidbaren Angriff gerüstet wäre. Letztlich entschied ich, dass es besser wäre, es einfach hinter mich zu bringen. Also sagte ich Nishijima, dass es in Ordnung wäre, wenn er die Nachricht verkünden wollte.
Als es publik wurde, begann auch schon das Gezeter. Ich habe schon davon geschrieben. Anstatt aber wieder schnell zu verschwinden, hält die Verstimmung einiger Leute an. Das Neueste ist eben mein Spitzname „der Porno-Buddhist“. Ich schätze, das liegt daran, dass ich die Kolumne für die netten Leute bei Suicide Girls schreibe.
Ich will mich jetzt hier auch gar nicht als der arme kleine Bradley hinstellen, der sich nur um seinen Kram kümmerte, als plötzlich alle Leute wütend auf ihn wurden. Mir war klar, wenn ich für Suicide Girls schreibe, würde irgendwann dieser ganze Mist passieren. Allerdings hätte ich es nicht von Leuten erwartet, die vorgaben, meine Freunde zu sein. Das ist ziemlich traurig. Zudem erwarte ich von Leuten, die sich als Buddhisten verstehen, mehr. Wie auch immer: die sind alle von meiner Weihnachtskartenliste gestrichen. Darauf könnt ihr Gift nehmen.
Dazu muss ich sagen, dass sowas nicht nur in unserer Linie vorkommt. Tatsächlich gehen wir wohl sogar besser damit um, als manche andere. Viel besser. Zumindest bislang. Meistens geschieht so was hinter den Kulissen und oft weitaus heftiger.
Sei´s drum. Kommen wir zu meinem Image als Porno-Buddhist. Als diese Anschuldigung erhoben wurde, empfahl mein Meister meinen „Freunden“ ein Kapitel namens „Blumen im Raum“ aus Dogens Shobogenzo zu lesen. Das ist wie der Muppetshow-Sketch „Schweine im Weltraum“, nur mit Blumen anstelle von Schweinen. Er meinte, es erhelle die buddhistische Haltung in Bezug auf die Lenkung des sexuellen Verlangens.
Ich werd´ hier nicht das ganze Kapitel diskutieren. Besorg Dir Teil III des Shobogenzo beim Buchhändler um die Ecke, wenn es Dich interessiert. Es geht besonders um eine Zeile, in der Dogen einen alten Chinesischen Zenmeister zitiert:
"Durch das Entfernen von Störungen verdoppeln wir die Krankheit."
Dogen kommentiert das: "Wir sind bislang nicht frei von Krankheit gewesen: wir hatten den Buddhavirus und den Patriarchenbazillus. Intellektuelles Ausschließen verstärkt und verschlimmert die Krankheit. Schon der Moment der Beseitigung selbst ist unvermeidbar Störung. Dies geschieht gleichzeitig und ist jenseits von Gleichzeitigkeit. Störungen beinhalten immer die Tatsache des Versuches sie zu beseitigen."
Wir alle haben sexuelles Verlangen. Da ist nichts spezifisch Falsches dran. Wir brauchen sexuelles Begehren, um als Spezies zu überleben. Weder Dogen noch Buddha selbst wären ohne das sexuelle Verlangen ihrer Eltern jemals geboren worden. Wenn Du glauben willst, dein Heiland sei geboren worden, ohne das vorher jemand Sex hatte: nur zu. Wie auch immer: die Zeile bezieht sich nicht speziell auf sexuelles Verlangen, sondern auf das generelle Konzept von Störungen.
Viele Leute versuchen eine Art spirituelle Reinheit zu schaffen. Dazu versuchen sie oft, alles zu beseitigen, was diese Reinheit stören könnte. Dogen aber sagt, dass Ausschluss die Seuche verstärkt und verschlimmert. Weiter sagt er: „Schon der Moment der Beseitigung selbst ist unvermeidbar Störung.“ Es gibt nur einen Grund, warum wir etwas als Störung bezeichnen: weil wir wünschten, es wäre nicht da. „Störungen beinhalten immer die Tatsache des Versuches, sie zu beseitigen.“ Ist´s nicht so?
Das ist der tatsächliche Schlüssel zum Verständnis des Buddhismus. Buddhistische Praxis versucht, alles aufzudecken. Das ist es, was wir tun, wenn wir Zazen sitzen. Es mag wie nichts aussehen. Aber wir setzen uns uns selbst aus. Viele von uns mögen nicht, was sie sehen. Aber wir fahren fort, bis jeder Stein umgedreht wurde, und jede quiekende hässliche Wanze darunter das Tageslicht erblickt hat.
In der heutigen Zeit kann niemand darauf hoffen, von Bildern begehrenswerter Objekte verschont zu bleiben. Für euch, die ihr das hier lest, sind solche Bilder 24 Stunden am Tag nur einen Mausklick entfernt – sogar noch schneller, wenn Du Abonnent bist. Wie lebt man in einer solchen Welt?
Das ist eine entscheidende Frage. Aber wie alle wichtigen Fragen ist es keine, die ich oder irgendjemand anderes für dich beantworten kann. Du musst deinen eigenen Weg finden. Den einzigen Rat, den ich dir geben kann, ist, immer wieder das Gleichgewicht zu suchen. Wenn die Dinge zu aufregend werden, ist das ein Problem. Jedes Hoch hat ein ihm entsprechendes Tief. Ich wette, dass glaubst du nicht. Die meisten von uns tun das nicht. Wir glauben, eines Tages das ewig währende Hoch zu erleben. Ich kann dich nicht daran hindern, danach zu streben. Aber ich kann zweifellos behaupten, dass so etwas nicht existiert. Es liegt nicht in der Natur der Dinge, dass es irgendwo so was gibt.
Diejenigen, die auf Reinheit und Rechtschaffenheit hoffen, versuchen immer zu zerstören, was sie stört. Aber sie suchen an der falschen Stelle. Sie glauben, die Störung käme von außerhalb ihrer selbst. Ich schätze, meine Dharmabrüder glauben, ihr Problem sitzt, von Plastikmonsterspielzeug und üppigen Suicide Girls (Ach ja, schön wär´s!) umgeben, in goldene Roben gekleidet und mit einem Stock wedelnd, drüben in einem Apartment in West Hollywood. Aber ich habe meine Zweifel. Immer wenn ich mir die Dinge die mich am meisten störten genau ansah, fand ich sie niemals außerhalb. Sie waren immer genau hier. Und da werden sie auch immer zu finden sein.


