Dienstag, 28. September 2010

Besprechungen von SSZ und Tour-Daten

Montag, 20 September 2010

Erstens: Ich habe soeben eine Menge neuer Termine zu meiner 2010 World Domination Tour hinzugefügt.

Zweitens: Solltest du in oder in der Nähe von Oakland sein, erteile ich dir hiermit den Befehl zu meiner Bücher-Signierstunde und meinem Vortrag heute Abend in Diesel Books um 19 Uhr zu kommen.

Drittens: Wie einige von euch schon festgestellt haben, gibt es meine Tassajara-Vorträge jetzt online. Hier kannst du sie finden:

OMG: Dogen's Concept of God [Dogens Konzept von Gott]

Understanding the Shobogenzo [Zum Verständnis des Shobogenzo]

Viertens: Es gibt nun einige sehr nette Besprechungen und Auszüge aus meinem neuen Buch SIN SEX AND ZEN online. Hier kannst du sie finden:

Besprechung von Violet Blue auf der SF Appeal Website

Besprechung auf Full Contact Enlightenment

Besprechung auf Pop Matters

Besprechung auf Wandering Dhamma

Besprechung auf Wild Fox Zen

Besprechung auf Cheerio Road

Besprechung auf Metal Buddha

Auszug auf Reality Sandwich

Es gibt sicherlich noch mehr von denen ich nichts weiß. Meine Verleger meinte sie hätten die Blogosphäre noch nie so in Aufruhr wegen eines Buches gesehen. Cool!

Fünftens: Zurück zu den neuen Tour-Daten. Bitte beachtet die festen Termine für meinen Ausflug nach New York City. Sie sind wie folgt:

15. Oktober Vortrag und Bücher signieren beim Interdependence Project.

16. und 17. Oktober zweitägiger Zen_Retreat ohne Übernachtung beim Interdependence Project

Es wäre wahrscheinlich eine gute Idee sich für diese frühzeitig anzumelden.

Genug der Schleichwerbung, was kann ich euch Interessantes erzählen?

Bis jetzt ist es wirklich interessant für das neue Buch zu werben. Nach dem Verlassen der Einsamkeit des Tassajara befinde ich mich voll und ganz im Vorgang der „Rückkehr auf den Marktplatz“ wie das alte Zen-Sutra sagt. Ich treffe Leute da draußen und werde interviewt und verkaufe ihnen das Buch und mich selbst, wie man das so macht.

Dies ist wirklich das erste Buch dieser Art. Ich erzähle anderen Leuten dauernd es war eine dieser Ideen die man manchmal hat wo du sagst „Ach, irgendjemand hat das sicherlich schon gemacht.“ Aber als ich nachforschte stellte ich fest, dass es niemand getan hat. Es gab bereits einige gute Bücher darüber wie Buddhisten im alten Indien, China und Japan Sex handhabten. Aber es gab nicht viel darüber wie Buddhisten heutzutage im Westen mit Sex umgehen. Obwohl ich nicht der Beste wäre um dieses Buch zu schreiben, irgendwer musste es tun und ich habe es getan. Wenigstens das erste. Sollte es sich verkaufen werden wir sicherlich sehen wie ein ganzes Genre von Imitaten erscheint. Einige werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit besser sein oder zumindest Bereiche der buddhistischen Sexualerfahrung beleuchten die mir unbekannt sind oder ich nicht fähig bin zu artikulieren.

Es ist ein wichtiges Diskussionsthema weil wir modernen buddhistischen Übenden eben keine alten Inder, Tibeter, Chinesen oder Japaner sind. Selbst diejenigen unter uns die aus diesen Ländern stammen leben heute in einer vollkommen anderen Welt als die der alten Meister. Auch wenn wir behaupten, dass deren Umgang mit Sexualität besser war als unserer können wir niemals in ihrer Welt leben. Also was können wir tun?

Das ist die Frage die sich mir immer noch stellt. Wie kann ich das Gelöbnis Sexualität nicht zu missbrauchen aufrecht halten, wenn ich als nicht zölibatärer buddhistischer Mönch im Amerika des 21. Jahrhunderts lebe? Einige behaupten jetzt schon, sie empfinden es so, dass ich dieses Gelübde breche. Durch mein Schreiben für die Suicide Girls Website oder dadurch, dass ich mich auf die Art Beziehungen einließ wie ich sie in meinem vorhergehenden Buch, Zen Wrapped in Karma Dipped in Chocolate, beschrieben habe. Ich finde das nicht. Und außerdem kannst du mein Leben nicht kennen, auch wenn du jedes Wort welches ich darüber schreibe gelesen hast. Das Gelöbnis dreht sich um dich, nicht um mich.

Jedenfalls glaube ich, dass sich einige von uns diese Fragen stellen. Ich behaupte nicht die Antworten zu besitzen. Dennoch habe ich mit vielen gesprochen die ihre eigenen zaghaften Fortschritte zur Beantwortung dieser Fragen gemacht haben und habe selber einige Ideen dazu.

Eine Sache zum Buch die bereits ziemlich verblüfft, ist die mit den Erwiderungen die ich bekomme zu den recht liberalen Ansichten die ich einnehme bezüglich nicht-traditioneller Formen von Sexualität. Ich habe versucht möglichst offen zu sein für die Wege wie Leute heutzutage ihr Sexualleben handhaben. Ich mutmaße, dass einige von einem buddhistischen Mönch eine eher verschlossene Einstellung zu verschiedenen Themen erwarteten. Obwohl ich nicht wirklich konform gehe mit dem ganzen verrückten Kram worauf die Jugend heutzutage abfährt, möchte ich niemandes Lebensstil unreflektiert verurteilen.

Da habt ihr's. Nur ein kurzer Blick auf ein paar Sachen die mir durch den Kopf gehen während ich beginne das Buch zu bewerben. Jetzt muss ich los.

Ich verlasse euch mit einem Scan von einer Seite die einer neuen Auflage des Buches American Hardcore: A Tribal History hinzugefügt wurde (Ich glaube der Link schickt dich zu einer älteren Version des Buches welches nicht auf 0DFx verweist, also vergewissert euch bitte vor dem Bestellen). Schaut wer endlich dort erwähnt wurde! Ihr könnt uns am 25. September im Kent Stage in Kent, Ohio sehen!

Bis später!

Ich bin zurück

Donnerstag, 16. September 2010


Ich bin zuuuurück!

Letzte Nacht hatte ich im East/West Books in Mountain View, Kalifornien meine erste Signierstunde für mein Buch Sex, Sin, and Zen: A Buddhist Exploration of Sex from Celibacy to Polyamory and Everything in Between (besorg dir dein Exemplar jetzt).

Morgen Nacht (17. Sept.) um 19 Uhr werde ich bei Copperfield's Books in Petaluma, Kalifornien sein.

Am 20. September um 19 Uhr werde ich bei Diesel Books in Oakland sein.

Ich werde auch am Sonntag Morgen (19. Sep.) um 9 Uhr rum bei Henry Tannenbaum's Show auf San Francisco's KRON Channel 4 sein.

Dann fliege ich zurück nach Milwaukee, wo mein Auto geparkt ist, und fahre nach Akron, Ohio zwecks Proben für einen Zero Defex Auftritt bei einer Show namens The Debacle am Samstag, dem 25. September im Kent Stage in Kent, Ohio. Die Show beginnt um 20 Uhr. Wir kommen recht spät dran, so gegen Mitternacht.

Im Anschluss daran werde ich am Mittwoch, dem 29. September um 19 Uhr im Cleveland Buddhist Temple einen Vortrag halten.

Dann geht es weiter nach New York für eine Buch-Signierstunde am 15. Oktober um 19 Uhr.

Dem folgt ein Zen Retreat Wochenende am 16. und 17. Oktober.

Im November werde ich an einem Dogen-Übersetzer-Forum teilnehmen, welches im San Francisco Zen Center vom 5. bis 7. abgehalten wird.

Ich werde ebenfalls einige Auftritte in Montreal im Oktober oder November bekannt geben, wenn sich die Aufregung da oben gelegt hat. Sowie ein paar weitere Events in und um Los Angeles im November.

Dieses ganze verrückte Durcheinander an Aktivitäten kommt just wo ich gerade von einem einmonatigen Aufenthalt im Tassajara Zen Mountain-Kloster mitten in der Ventana Wilderness Area in der Nähe von Carmel Valley, Kalifornien zurückkehre.

Wie man am Foto oben erkennen kann habe ich mir dort einen Haarschnitt verpassen lassen. Ich bin seit gut 20 Jahren im Punkrock involviert und dies ist mein allererster Iro[kesenschnitt]. Irgendwie habe ich auch 10 Pfund abgenommen obwohl meine Ernährung scheinbar nur aus einer ständigen Versorgung mit den weltbesten Broten und Kuchen bestand. Tassajara ist berühmt für seine Backwaren. Und das zu recht.

Ursprünglich wurde ich zum Tassajara eingeladen, um den Schülern dort in ihrer letzten Woche der allsommerlichen Gästesaison ein paar Vorträge zu halten. Tassajara fungiert hauptsächlich als Zen-Kloster. Aber ursprünglich war es ein Thermalbad und für ungefähr drei Monate in jedem Sommer wird es für zahlende Gäste geöffnet. Es gibt keine bezahlten Angestellten als solche. Die ganzen Gästeangelegenheiten und dergleichen werden von den Zen-Schülern abgewickelt. Diese Schüler befolgen morgens und abends einen geregelten Zen-Ablaufplan und verbringen den Rest des Tages mit den Aufgaben die notwendig sind, um den Badeort am Laufen zu halten. Das beinhaltet Zimmerreinigen, Bettenmachen, Kochen, Speisesaalarbeiten, das Schwimmbad und Badehaus am Laufen halten, Geschirrspülen und so weiter.

Als ich die Einladung bekam, betrachtete ich meinen Terminkalender und stellte fest, dass ich ungefähr ein Monat Freiraum hatte. Also fragte ich meinen Freund Greg Fain, den Tanto [Praxisleiter] in Tassajara, ob ich nicht einfach für den ganzen Monat kommen und dort Schüler sein könnte. Er fragte nach und stellte fest, dass es noch Platz gäbe und so wurde der Deal klar gemacht. Ich hatte keine Ahnung worauf ich mich da einließ. Aber es fühlte sich so an als ob ich das gebrauchen könnte.

Wisst ihr, Leute, bevor ich nach Tassajara ging reiste ich drei oder vier Monate rund um die Welt. Ich genoss die Aufmerksamkeit ganz Europas, des Nahen Ostens und Asiens. Verrückte Fans rissen sich den Arsch auf um mich in Helsinki, Belfast, Warschau, Toulouse, Berlin, Amsterdam, Tel Aviv, Shizuoka und anderswo zu sehen. Leute sprachen mich in Austin, Texas und Tokyo, Japan auf der Strasse an, um mir zu sagen wie viel ihnen meine Bücher bedeuteten. Als ich in Knoxville, Tennessee mit der Kreditkarte ein gebrauchtes Buch bezahlte meinte der Verkäufer “Ich dachte mir schon, dass ich dich kenne!”. Ich habe schon den Verdacht, dass wenn ich in einem Restaurant oder anderen öffentlichen Orten angestarrt werde es nicht deswegen ist weil mir ein Popel aus der Nase hängt, sondern weil es tatsächlich sein könnte, dass jemand der mich wiedererkennt sich nicht traut einfach herzukommen und “Hi!” zu sagen (übrigens geht das meinetwegen in Ordnung, solange die Leute dies respektvoll tun).

Es ist seltsam.

Ausserdem zog das Leben das ich lebte mich weiter und weiter weg von meiner Zenpraxis. Es fällt schwer zwei mal täglich zu sitzen wenn du dauernd schneller als ein Gewehrgeschoss von Ort zu Ort fliegst, zum Leute treffen, Abhängen, die Sehenswürdigkeiten sehen, dich bewirten lassen und was sonst noch.

Wieso passiert all das und ich bin immer noch scheißarm?

Aber ich schweife ab. Ich fühlte mich als brauchte ich den strengen Ablauf, die lächerlichen Regeln und die harte Arbeit. Tassajara verlangt von seinen Schülern wieder auf die richtige Spur zu kommen. Wir werden sehen ob es was gebracht hat oder nicht.

Ich wurde für den Speisesaal eingeteilt, wo ich die meiste Zeit so was wie ein Kellner war. Es gibt keine Speisekarte in Tassajara. Die Mahlzeiten sind für alle gleich. So gab es keine Bestellungen aufzunehmen und leider auch kein Trinkgeld. Aber ich schenkte Kaffee aus, öffnete Weinflaschen (getreu dem Motto „bring deine eigene Flasche“, Alkohol wird weder verkauft oder serviert), fuhr Teller auf dem Servierwagen durch die Gegend, kochte Kaffee, kratzte Bioabfälle in Eimer und machte generell das was Kellner machen. Das war an Tagen an denen ich nicht als Tellerwäscher eingeteilt war.

Ich muss gestehen, die ersten paar Tage bei der Arbeit dachte ich mir “Wissen diese Leute nicht wer ich bin? Ich bin eine der wichtigsten Stimmen des heutigen Buddhismus! Deinen Kaffee auffüllen? HA! Du solltest dich glücklich schätzen, deinen Kaffee von einem Star meines Kalibers aufgefüllt zu bekommen!”.

Ich übertreibe, aber nicht sehr. Und es gab ein paar Gäste die mich erkannten. Aber im Großen und Ganzen sind die Gäste des Tassajara nicht meine Zielgruppe. Ich wurde am haufigsten von Schülern erkannt. Das war aber OK, weil es nicht lange dauert bis man über das Beeindrucktsein hinwegkommt, wenn man den Typen sieht wie er stinkende Komposteimer schleppt und den angetrockneten Schmodder vom Samowar [Teemaschine] kratzt.

Wie Greg soeben sagte als ich ihm ein paar Zeilen hier von vorlas: “Es ist eine großartige Gelegenheit das Selbst zu studieren.” Das war es sicherlich. Es gibt einem Perspektive, vielleicht sogar “zu viel Perspektive” [too much perspective] wie Spinal Tap sagte. Aber es war wirklich gut:

Ich hatte auch ein paar Abenteuer. Wie als ich mit drei Anderen auf eine vermeintlich dreistündige Wanderung ging. Wir verloren schließlich die Orientierung in den Wäldern und mussten die Nacht an einem Zeltplatz verbringen den wir gefunden hatten, komplett unvorbereitet. Ich hatte ein T-Shirt und Jeans an. Es geht dort draußen in den Bergen nachts auf knapp über 0° Grad runter. Kein Schlafsack, keine Jacke. Ich hatte mir ein Handtuch um die Schultern gewickelt um ein wenig die Kälte abzuhalten. Ach und wir sind noch den größten Teil des Weges in einem Bach gelaufen und waren triefend nass.

Ich habe einige unglaubliche Menschen kennengelernt. Habe eine Punkrock-Band gegründet. Habe Sachen wieder erlernt die ich vergessen hatte. Habe eine Zeremonie zum Wohlergehen von Nina Hartleys Mutter durchgeführt. Habe fast jeden Tag meine Roben angezogen. Mir meinen ersten Iro schneiden lassen. Ein paar neue Witze gelernt (What has two knees and swims in the ocean? - A two-knee fish!)* Es hat sich total gelohnt und ich würde es jederzeit wieder machen, wenn das Personal mich verkraften kann.

Ich werde mehr zu meinen gesamten Eindrücken von dort in den kommenden Wochen schreiben.

Ich sehe euch bei den Signierstunden!


* Wortspiel auf “tuna fish” (Thunfisch)



Montag, 13. September 2010

Dein Leben gehört nicht dir

Montag, 17. September 2007


Letzte Woche war ich in Boulder, Colorado wo die Leute lange mit ihrem Sushi-Koch darüber diskutieren, ob die Makrelen- und Tintenfischhäppchen die serviert werden auch aus nachhaltiger Fischerei stammen. Ich bin aus Akron, Ohio, wo die wahrscheinlichste Unterhaltung mit einem Sushi-Koch so klingt: „Nehmen Sie das zurück, das ist ja alles noch roh!“ Wenn die meisten von euch das hier lesen, werde ich auf dem Weg zurück nach Japan sein, um herauszufinden was zum Geier mit der Firma los ist für die ich arbeite. Danach werde ich einen viertägigen Retreat leiten.

Als ich in dem Sushiladen in Boulder saß – wo sich die Leute über nachhaltige Fischerei Gedanken machen – sah ich draußen auf der Straße einen Typen betteln. Es gibt massig Bettler in Boulder. Fast alle sind jung, weiß, gesund und sehen ganz so aus als ob sie das von dir erbettelte Kleingeld nur für Freizeitdrogen ausgeben. Eben dieser weiße Bettler, der nicht ganz so jung wie die meisten anderen war, hatte in der Vergangenheit – vielleicht sogar in jüngster Vergangenheit -- offensichtlich ein paar harte Drogen genommen und seinem Körper ernsthafte Verschleißerscheinungen verpasst. Er fing an sich mit seinen Kumpels ziemlich zu zoffen und ich behielt ihn im Auge, um sehen zu können, ob er sich irgendwann auf die Terrasse des Restaurants zubewegen würde, wo ich saß. Schließlich ging er irgendwohin die Straße runter.

Diesen Typen zu sehen machte mir klar, dass mein Leben nicht wirklich mir gehört. Wir alle bilden uns ein unser Leben und unser Körper seien unser Eigentum um damit zu machen was uns beliebt. Wir meinen solange wir nichts Ungeheuerliches tun wie etwa unseren Nachbarn abzustechen oder in der örtlichen Grundschule Amok zu laufen geht es niemanden was an was wir mit uns selbst tun. Aber ich frage mich ob das wirklich stimmt.

Als dieser Landstreicher sich mit Alkohol, Drogen und wer weiß was noch in diesen Zustand versetzte dachte er wahrscheinlich, “Scheiß doch auf den Rest der Welt! Ich lebe mein Leben so wie ich will!“ Natürlich kann ich nicht seine Gedanken lesen. Aber ich weiß dass ich den Großteil meines Lebens so fühlte. Wenn ich mir LSD reinpfeifen wollte, dann habe ich mit meinem eigenen Hirn Scheiße angestellt und niemand hatte das Recht mir zu sagen ich sollte das lassen. Wenn ich die ganze Nacht durchfeiern wollte, war ich derjenige der am nächsten Tag mit den Konsequenzen klarkommen musste. Also scheiß auf jeden der irgendeine Meinung dazu hatte. Wenn ich Junkfood essen wollte anstatt auf meine Gesundheit zu achten, dann war es mein eigener Körper. Und das ging niemanden sonst was an.

Aber heute fange ich an, diese Einstellung zu bewzeifeln.

Klaro: Wenn sich Leute auf bestimmte Art und Weise kleiden oder sonstwie speziell aussehen wollen, hat die Gesellschaft nicht das Recht ihnen das zu verbieten. Nur weil jemandem deine Tätowierungen nicht gefallen heißt das nicht, dass du sie entfernen musst. Und nur weil jemandem dein Iro(kesenschnitt) nicht gefällt heißt das nicht, dass du dir eine Ulrich Wickert-Frisur zulegen musst. Wen du als deinen Lebensgefährten aussuchst geht niemanden etwas an – ausser deinen Partner natürlich. Deine Entscheidung ob du eine Abtreibung vornehmen lässt oder eine konservative Partei wählst ist sehr persönlich und du musst niemanden anders um Rat fragen.

Es ist ebenfalls nicht deine Pflicht jeden dem du begegnest zufriedenzustellen. Die meisten Leute sind so dermaßen verpeilt, dass sie nicht die geringste Ahnung haben was sie wirklich brauchen oder wenigstens was sie wirklich wollen. Trotzdem bestehen sie darauf, dass andere ihre verrückten Vorstellungen befriedigen, was das Leben ihnen ihrer Meinung nach schuldet. Das Leben schuldet euch gar nichts Leute. Aber ich begegne dieser Einstellung andauernd in meiner Funktion als Zen-Lehrer. Die Leute haben viele seltsame Vorstellungen was ich tun oder sagen sollte und haben keine Hemmungen von mir zu verlangen die Rolle zu spielen, die sie mir zugedacht haben. Ich bin sicher das kommt euch bekannt vor. Wir alle kennen das. Tut mir leid, Freunde. So läuft das nicht.

Aber trotzdem merke ich an: Dein Leben gehört nicht dir allein. Das ist so offensichtlich, dass es eigentlich unnötig ist, es extra zu sagen. Deswegen nehme ich keine Drogen. Wenn ich mich zudröhne, verlange ich vom Rest der Welt auf mich aufzupassen. Ich kann dann nicht Auto fahren. Ich kann den kleinen Schlitz vorne an meiner Unterhose nicht finden. Und am wichtigsten: Wenn plötzlich irgendein Notfall eintritt bin ich völlig nutzlos. Ich drücke mich um meine Pflichten als Mensch nur für einen kleinen Kick. Wenn ich meinen Körper nicht in Form halte, beeinträchtige ich andere Leute. In einem Bus oder Flugzeug brauche ich mehr Platz als mir eigentlich zusteht. Ich fühle mich schnell angepisst weil mein Körpergefühl immer schlecht ist und ich nicht klar denken kann. Wenn ich wütend werde oder anderweitig überreagiere ist das niemals meine Privatangelegenheit. Ich trage die Wut durch mein impulsives Handeln in das Leben anderer. Denn wenn du wütend bist handelst du niemals, niemals angemessen. Niemals. Wenn ich depressiv werde, zwinge ich andere mit meiner trüben Laune klarzukommen. Wenn ich abgelenkt werde, überfahre ich möglicherweise die Nachbarskatze.

Das ist auch ein Grund warum ich Zazen praktiziere. Ich entdeckte, dass mein Körper und mein Geist durcheinander waren wenn ich es nicht tat. So durcheinander, dass ich mich anderen Leuten gegenüber nicht angemessen verhalten konnte. Durch diese Praxis begann ich klar zu sehen, dass ich nicht mir selbst gehöre. Ich bin ein Ausdruck des Universums und an die Pflicht gebunden, die Verantwortung für alles zu übernehmen mit dem ich in Berührung komme. Und alles womit ich in Berührung komme ist alles im Universum.

Sieh mal. Du bist ein Arschloch. Ernsthaft. Ein komplettes Arschloch. Du hast keine Ahnung was du bist oder was du tun solltest. Trotzdem gehst du mit der gesamten Schöpfung so um als wäre es irgend ein Billigspielzeug das dir der Weihnachtsmann gebracht hat, das du nun kaputtmachst und so lange heulen wirst bis er dir ein neues bringt. Die Regale im Laden sind schließlich vollgestopft mit Millionen anderen. Du brüllst und schreist dir um drei Uhr morgens die Seele aus deinem hässlichen Hals und weckst damit alle Bewohner in der Straße auf. Du drehst deine idiotische Musik bis zum Anschlag auf um allen zu zeigen wer du wirklich bist. Du donnerst mit deiner Harley volle Pulle den Sunset Boulevard runter. Du träumst von einer Kiste voll Erleuchtung die du von irgendeinem dummschwätzenden Zen-Meister kaufen kannst, um sie dann im Auto liegen zu lassen während du was anderes kaufst. Du hängst in kitschigen Meditationsseminaren rum und hoffst, irgendein genialer Guru wird dich zum Licht führen, und du bezahlst ihm gutes Geld für Wegwerffantasien. Du bist nutzlos. So richtig scheiße nutzlos. Das Universum gehört dir und alles was du tun willst ist deinen Namen mit Sprühfarbe an die Wand zu malen. Du bist wie ein Hund der an einen Zaun pisst. Keiner der deine Markierung an der Welt sieht wird sich auch nur einen Scheißdreck darum kümmern.

Aber sitze ganz ruhig und sogar ein Haufen Gibbonscheiße wie du kann es sehen. Es gibt niemanden im Universum außer dir. Du reichst bis hin zu den entferntesten Galaxien. Und das ist nur der Anfang. Deine Gedanken sind allesamt schwachsinnig. Deine Vorstellungen sind völlig falsch. Du kannst nirgendwo anders sein als hier. Es gibt für dich nichts zu wissen, was wert zu wissen wäre. Du hast keine Zukunft oder Vergangenheit und wirst trotzdem immer hier sein. Und deswegen bist du Gottes Augen und Ohren in dieser Welt.

Sei ein bisschen aufmerksamer, Arschkrampe.


Link zum Originaltext:

http://suicidegirls.com/news/culture/22297/Brad Warners Hardcore Zen Your Life is Not Your Own Sorry/

Sonntag, 5. September 2010

Das Zölibat - ein guter Rat?

Montag, 15. Dezember 2008

Am 28. November [2008] hat Seine Heiligkeit der Dalai Lama* für Schlagzeilen gesorgt, indem er sagte das Zölibat sei gut. Muss ein Tag mit sehr lahmen Nachrichten gewesen sein.

Was er wirklich sagte – auf Englisch ohne Dolmetscher, daher die putzig verdrehte Grammatik – war: “Sexueller Genuss, sexuelles Begehren, ist ich denke eine kurzzeitige Befriedigung und oft es sorgt für mehr Schwierigkeiten. Natürlich als menschliches Wesen … kommt das Verlangen nach Sex, aber wenn man seinen Verstand benutzt sieht man, dass diese Paare andauernd voller Probleme. Und in manchen Fällen gibt es Selbstmord und Mordfälle.” Über Zölibat sagte er „wir verpassen etwas, aber zugleich, vergleiche das ganze Leben, ist es so besser, mehr Unabhängigkeit, mehr Freiheit. Zu viel Anhaftung an deine Kinder, an deinen Partner (ist) ein Hindernis oder eine Hürde von der Geistesruhe.“

Natürlich hat er Recht. Sex ist kompliziert. Sich dessen zu enthalten bewahrt dich vor solchen Schwierigkeiten. Da es nicht unbedingt notwendig ist, Sex zu haben – d. h. du, als Individuum, kannst ohne Sex leben – ergibt es rational gesehen Sinn es einfach bleiben zu lassen.

Wenn es doch nur so einfach wäre! Aber Sex ist in vielerlei Hinsicht eine verzwickte Angelegenheit. Religionen versuchen immer eine einzige Regel oder Formel anzubieten, die für alle Menschen in allen Situationen funktioniert – vom heiligen Bund der Ehe bis zu frommer Enthaltsamkeit. Die Hare Krishnas, nur um ein Beispiel zu geben, versuchen es mit einer Mischung aus beidem. Sie erlauben Sex zur Zeugung von Krishna-bewussten Kindern und nur nachdem das Paar für ein paar Stunden gesungen hat, um sicherzustellen das die schmutzige Sache auch ausreichend rein sein möge. Ich glaube nicht, dass diese Praxis sich jemals weit verbreiten wird. Jedenfalls wird niemand kann nur sich jemals eine einzige Regel zum Umgang mit Sex ausdenken, die für jeden zufrieden stellend funktioniert.

Ich habe auf diesen Seiten hier viel geschrieben über den buddhistischen Leitsatz „Betreibe keinen Missbrauch der Sexualität.“ Mein Lehrer formuliert das eher so: „Begehre nicht zu viel.“ Bodhidharma, der Mönch aus dem 5. Jahrhundert, der traditionell als der Begründer des Zen gesehen wird, sagte: „Es gibt nichts zu erfassen. Anhaftung nicht entstehen zu lassen ist das Gebot Sexualität nicht zu missbrauchen.“

Der Leitsatz ist absichtlich so ungenau. Die Menschen die ihn formuliert haben, hatten bereits gesehen, welchen Schaden religiöse Führer anrichteten, die versuchten, absolute, harte und schnelle** Regeln für Sexualität aufzustellen, die immer und überall angewandt werden konnten. Also haben sie einfach anerkannt, dass Sexualität missbraucht werden kann, dass dieser Missbrauch Probleme verursacht und dass praktizierende Buddhisten besser dran wären, wenn sie gelobten sie es nicht zu missbrauchen. Nur was unter diesem konstruierten „Missbrauch“ genau zu verstehen war, wurde der individuellen Auslegung überlassen.

Oder auch nicht. Auch Buddhisten sind manchmal nicht so schlau wie sie sein sollten. Es gab eine frühe buddhistische Schule die versuchte genau festzulegen, was nun Missbrauch von Sexualität war und was nicht. Sie schufen eine endlos lange und ausführliche Liste mit Regeln. Mein Liebling ist die Regel die besagt, dass es kein Missbrauch von Sexualität ist, wenn eine Frau Sex mit einem Mönch hat während er schläft und er nicht realisiert was abgeht. Es ist so offensichtlich, dass da eine Geschichte dahintersteckt! Ich bin sicher, irgendein arschiger Priester hat das als Entschuldigung benutzt – „Ich habe die ganze Zeit geschlafen! Ich schwöre!“ – und schon wurde es in die Schriften aufgenommen.

Zölibat scheint die ultimative Lösung zu sein. Man kann Sexualität nicht missbrauchen wenn man keinen Sex hat. Oder doch? Mein erster Zen-Lehrer meinte, dass Ficken manchmal der beste Weg sei, den Missbrauch von Sexualität zu vermeiden. Es mag Gelegenheiten geben, in denen sich einmal schnell im Heu wälzen der beste und sinnigste Weg wäre, um größere Probleme abzuwenden. Ich denke jedes mal über so was nach, wenn ich mal wieder davon höre, wie ein angeblich enthaltsamer Glaubensmann einen Messdiener befummelt hat. Es erscheint mir sehr gut möglich, dass ein Kind weniger für sein Leben traumatisiert wäre, würden wenn einige dieser Typen es einfach mal mit einem willigen Mädchen angemessenen Alters treiben würden, oder vielleicht mit einem ihrer Glaubensbrüder, wenn sie so gestrickt sind.

Aber was ist nun mit echtem Zölibat? Was ist mit jemandem der nicht nur sagt, dass er keinen Sex hat, sondern auch wirklich und wahrhaftig in keiner Form Sex hat? Die frühen buddhistischen Sekten, die ich eben erwähnt habe, verboten sogar Selbstbefriedigung. Ich sage: Schön für sie! Wenn sie damit klarkommen. Ich glaube ich selbst könnte das nicht. Mein Kopf würde sich so sehr mit dem Gedanken an heiße nasse Mösen anfüllen, dass ich eine Bedrohung für die Gesellschaft wäre. Wenn du so besessen von Sex bist, dass du nicht mehr klar denken kannst, wem nützt du noch was? Klar, vielleicht gibt es Leute die nicht so sind, und falls das stimmt dann nur zu! Aber ich bezweifle, dass jemand mit so viel Selbstbeherrschung meine Erlaubnis braucht oder sich auch nur ansatzweise um meine Meinung kümmert.

Auf der Gegenseite des Zölibats gibt es Zeugs wie Polyamorie. Polyamorie klingt für mich wie eine Garantie für ein stresserfülltes Leben – und nur weil jemand seinen Stress so gut unterdrückt, so dass er ihn nicht bewusst wahrnimmt, heißt das noch lange nicht, dass er nicht da ist. Glaub mir, ich fände es fantastisch wenn es nicht so wäre. Machst du Witze? Wenn ich dächte ich könnte wen auch immer ich wollte bumsen und alle würden das ganz locker nehmen, wäre ich jetzt sofort da draußen beim Whirlpool in einem schwarzen Latex-Schwimmanzug und Lederchaps.

Leider kann ich solche Fantasien nicht akzeptieren. Ich finde Sex ohne Durcheinander ist wie das Monster von Loch Ness. Es wäre echt cool wenn es das wirklich gäbe. Und hin und wieder tauchen extrem verlockende Hinweise auf, dass es vielleicht so ist. Aber wenn immer wenn du die Hinweise objektiv betrachtest fällt alles auseinander.

Sex schafft Anhaftung. Daran führt kein Weg vorbei. Das heißt nicht, dass Sex schlecht ist. Anhaftung ist einfach ein Teil des Lebens. Nur weil ein bärtiger Blödmann im Bademantel, den du auf dem Burning Man getroffen hast, behauptet im Buddhismus ginge es darum sich von allen Anhaftungen zu lösen, heißt das nicht, dass es auch stimmt. Sicher, je weniger starke Anhaftungen du hast, desto einfacher ist dein Leben. Aber niemand kann ohne irgendwelche Anhaftungen durchs Leben gehen. Du wirst in jedem Fall einen gewissen Grad an Anhaftung an jemanden entwickeln, mit dem du Körperflüssigkeiten austauschst. Und nur weil du denkst du wärst so lässig, dass dir Dinge wie Verbindlichkeit oder Fremdgehen, Eifersucht oder was auch immer niemals in den Sinn kämen, heißt das nicht, dass es deinem/n Partner/n auch so geht. Oder sogar dass es dir nicht so geht. Diese Sachen laufen auf einer tieferen Ebene dort ab, wo bewusstes Denken nicht hinkommt. Es ist eine sehr schlüpfrige Angelegenheit in vielerlei Hinsicht.

Trotzdem habe ich nicht das kleinste bisschen Interesse daran, irgendwen davon zu überzeugen, so zu leben wie ich es für richtig halte. Ich habe keine moralischen Einwände gegen was auch immer die Leute in ihren Schlafzimmern machen – oder Küchen oder dunklen Gassen oder sonstwo.

Aber in einem gewissen Umfang berührt es mich schon wie Leute ihr Sexleben gestalten. Es berührt uns alle. Je weniger Leute herumrennen, die von ihrem Sexleben völlig gestresst sind, desto besser ist das für alle. Sie werden nicht so sehr damit beschäftigt sein, ihre sozialen Kontakte auszuknobeln, dass sie mit ihren Autos in die Leitplanken krachen und für Stunden den Verkehr verstopfen. Sie werden nicht so unter sexuellem Druck stehen dass sie Hotels in Mumbai angreifen. Solche Sachen. In dieser Hinsicht würde ich es gern sehen, wenn ein paar mehr Leute mehr Sorgfalt darauf verwenden würden, wie sie mit ihrer Sexualität umgehen. Wenn sie mir dann mal begegnen wären sie ein wenig entspannter.

Ich vermute das ist die Wurzel aller religiösen Beschränkungen für Sex in aller Welt. Die Menschen in ferner Vergangenheit suchten einfach nach Möglichkeiten, mit diesem neuen Ding namens „Gesellschaft“ umzugehen. Sie wussten dass sexuelle Interaktion Verstrickungen ins Leben ruft. Am Tag nachdem der Höhlenmensch Og das Weib von Höhlenmensch Ugum gebumst hatte, fingen sie an sich gegenseitig mit Steinen zu bewerfen und im Steinzeitdorf brach die Hölle los. Man musste etwas tun, also stellte der Häuptling eine Regel auf. All das Moralisieren und die Drohung im Höllenfeuer zu schmoren wurden später einfach drangetackert als zusätzlicher Anreiz für die leichter Beeinflussbaren, um das zu tun, was am besten geeignet schien die Dinge zivilisierter ablaufen zu lassen.

Der Dalai Lama gibt zu, dass die Enthaltsamkeit von Sex bedeutet, bestimmte Seiten des Lebens zu verpassen. Er scheint mit der Vorstellung zufrieden zu sein, dass diese Dinge ja eh nicht viel wert sind. Du könntest es anders sehen. Vielleicht suchst du ja auch nicht nach wilden Nächten voll entfesselter Leidenschaft. Vielleicht willst du heiraten, eine Familie gründen und all dieses nette Zeug. Das ist gut. Ich bin mir sowieso nicht so sicher dass ob die Lösung des Dalai Lama so einfach und sauber ist, wie er denkt. Ich habe mit genug Mönchen rumgehangen und um zu wissen, dass all dieser Scheiß von wegen Emotionen und Anhaftung, dem sie entgehen, indem sie keine Familien haben, sich dann nur auf die Ersatzfamilie der anderen Mönche mit denen sie zusammenleben überträgt. Wie ich bereits sagte, es gibt keine einfache Lösung für solche Sachen die immer und für jeden funktioniert.

Wie auch immer, schlussendlich ist es nicht so wichtig was der Dalai Lama denkt und es ist sicher noch weniger wichtig was ich denke. Schlussendlich geht es darum was für dich am wichtigisten ist. Ich würde nur sagen, ich habe herausgefunden, dass es für die meisten Leute am wichtigsten ist, ein so stabiles Leben wie möglich zu führen. Wenn du begreifst, dass du das willst, musst du mit Sex vorsichtig umgehen. Es setzt eine ganze Menge in Bewegung, ob du dir das nun eingestehst oder nicht. Sei aufmerksam und sei bereit Dinge zu akzeptieren, die du nicht wirklich akzeptieren willst. Das ist der Rat den ich mir selbst immer gebe.

* Nur zu deiner Information: Der Dalai Lama spricht nicht für alle Buddhisten, noch behauptet er das. Er ist das Oberhaupt einer ganz bestimmten Sekte des tibetischen Buddhismus. Ich habe in dieser Sekte niemals gelernt oder praktiziert und weiß herzlich wenig über sie.

** Hihi! Ich habe „hart und schnell“ gesagt.

Link zum Originaltext: http://suicidegirls.com/news/culture/23455/

Donnerstag, 2. September 2010

Fertig mit Great Sky, nächster Halt Tassajara


Montag, 16. August 2010


Mann, war das heiß beim Great Sky Sesshin! Und die Stechmücken waren unglaublich bösartig. Du besprühst dich mit mehr Insektengift als ein Mensch je auf seine Haut auftragen sollte und die stechen dich immer noch. Ich habe sogar jetzt noch, zwei Tage danach, kleine rote Placken an meinen Beinen hoch und runter. Immer wenn ich aufs Plumpsklo ging und diesen gewissen Teil meines Körpers entbößte, welchen ich nicht mit Insektengift versorgt hatte, waren sie sofort da und versuchten mich zu stechen. Ich bewunderte ihre Hartnäckigkeit.

Es gibt einen alten Zen-Spruch: “Wenn es heiß ist, laß dich von der Hitze töten. Wenn es kalt ist, lass dich von der Kälte töten.” Sicherlich ein weiser Rat. Aber verdammt noch mal, war das heiß!

Und es gab Gewitter. Weil die Prärie draussen in diesem Teil von Minnesota [Bundesstaat der USA] so flach ist, konnte man die Blitze teilweise bis zu vier Stunden vor dem eigentlichen Eintreffen des Sturms leuchten sehen. Ein paar mal müssen die Einschläge genau neben dem Zendo gewesen sein, weil der Donner zeitgleich mit dem Licht kam und laut genug war, um das ganze Gebäude durchzurütteln. BA-BUUUUUUUUM!!!!!

Wie die meisten von euch, die das hier lesen wahrscheinlich wissen, ist ein Zen-Sesshin eine intensive Zeit besonders konzentrierter Zen-Praxis, die gewöhnlich 3 bis 7 Tage dauert. Dieses war 7-tägig. Man weckt dich um 4:30 morgens und die erste Übung beginnt um fünf. Das Foto oben ist vomTeehaus von Hokyoji um 4:30 Uhr. Das ist der Ort, wo die Leute hingehen um Koffein für die kommende Schlacht zu tanken. Es sei denn du bist ich und kannst kein Koffein mehr verkraften und musst dich mit Vitaminen begnügen. Der Tag wird angefangen mit ein paar Rezitationen, einem Dharma-Vortrag, ein paar Pausen und einer Arbeitsperiode. Aber die meiste Zeit bist du am Sitzen, den ganzen scheiß Tag lang, die Wand anstarrend. Es ist brutal.

Und Great Sky ist wahrscheinlich das sanfteste Zen-Sesshin da draussen, vielleicht mit Ausnahme von denen von Thich Nhat Hahn, wo man am Tag so 20 Minuten Zazen sitzt, und selbst das ist optional. Oder so ähnlich. Ich bin noch nie bei einem gewesen, aber auf der Straße erzählt man sich, dass da sehr wenig wirkliche Zazen-Praxis gefordert wird.

Die diesjährigen Dharma-Vorträge von uns fünf Lehrern, die teilgenommen haben, neigten dazu, in einander überzugreifen und sich zu ergänzen, was eine interessante neue Entwicklung war. Eines der Themen, welches in fast allen Vorträgen aufkam, war das der Kensho-Erfahrungen.

Kensho (見性)bedeutet “seine wahre Natur erkennen”. In einigen Kreisen gilt eine Kensho- oder Satori-Erfahrung als eines der größten Dinge, auf die ein Zen-Praktizierender hoffen kann. Viele Zen-Leute treiben sich dazu, einen dieser grossen Durchbruchs-Momente zu erlangen. Die Literatur ist voller verschiedener Begriffe für diese “Aufbruchserfahrung”, “Erleuchtung”, “Erwachen”… die Liste ist endlos.

Das ist natürlich der Kern dieser ganzen Big Mind®-Abzocke und anderer ähnlicher Missbräuche der Zen-Praxis. Ich kann mich nicht erinnern, was die anderen Lehrer und Teilnehmer über diese Erfahrungen gesagt haben, aber ich kann euch meine, durch das, was ich vergangene Woche gehört habe, gebildete Meinung mitteilen.

Es ist nicht so, dass solche Erfahrungen niemals einen Wert haben. Man kann in jeder Erfahrung ein Wert entdecken. Es ist nur, dass es im nachhinein so ist, wie jede andere coole Sache, die dir passiert ist. “Alter! Du hättest diesen Sonnenuntergang sehen müssen, den ich auf Maui gesehen hab als ich total breit war!” oder “Ich habe die oberste Cheerleaderin/den Kapitän der Footballmannschaft/beide gleichzeitig geknallt als ich in der zehnten Klasse war!” oder “Ich hatte die größte aller Erleuchtungserfahrungen dieser Welt!” sind alle so ziemlich dasselbe. Sie sind nur Ereignisse aus unserer Vergangenheit, an die wir uns klammern um uns selbst zu definieren.

Erleuchtungserfahrungen sind dafür besonders gut geeignet. Faktisch könnten sie den ultimativsten aller Ego-Trips darstellen. Was könnte es Größeres geben, als mit dem gesamten Universum eins zu sein? Was könnte dich massiver und fetter und ultra super duper toller und cooler machen? Nichts was ich mir vorstellen kann, das ist mal sicher.

Es ist nicht schwierig, irgendeine richtig fette Erfahrung herbeizuführen. Tonen O'Connor, einer der Great Sky Lehrer, hat mehrere Jahre am Theater gearbeitet bevor sie Zen-Lehrerin wurde. Sie sagte, dass es ihr Handwerk gewesen sei, bei Aufführungen die Emotionen der Leute zu erregen und ihnen eine Erfahrung zu geben, an die sie sich erinnern würden. Deswegen war sie erstmal unbeeindruckt, als sie das erste Mal Zen in einem Tempel in Japan begenete, wo solche “Durchbruchsmomente” hervorgehoben wurden. Ich habe an ähnlichen Sachen in der Welt des Rock'n'roll teilgenommen. Das Herbeiführen solcher großen “Wow-Momente“ wie diesen kann eine sehr effektive Methode sein, um den Leuten das Gefühl zu geben, dass sie dir etwas schulden.

Jemandem sehr früh in seiner Praxis zu einem Durchbruchs-Moment zu verhelfen könntedie beste Methodesein, das Potential, damit zurecht zu kommen wer und was man eigentlich ist, zu zerstören. Und das ist ziemlich traurig. Auch weil ab einer bestimmten Ebene des Verstehens, eine so genannte “Kensho-Erfahrung” und das, was die meisten von uns als Nervenzusammenbruch oder sogar Psychose bezeichnen würden gar nicht so verschieden sind. Es ist gefährlicher Humbug mit so etwas zu spielen.

Egal, was auch immer. Ihr habt all das schon mal von mir gehört und ihr werdet es wahrscheinlich immer wieder hören. Ich kann niemanden von irgendetwas überzeugen, erst recht nicht die, die genug Pech hatten, einen dieser so genannten “Durchbruchs-Momente” viel zu früh gehabt zu haben. Ich kann es nur unmissverständlich klarstellen, dass ich für mein Teil auf immer und ewig gegen so ein Schwachsinn ankämpfen werde.

Das diesjährige Great Sky Sesshin war ein besonders grauenhafter Retreat für mich. Ich glaube ich habe noch nie ein Sesshin gesessen das so schwierig war. Aber es war gut. Es war das, was ich brauchte.

Indem ich eine berühmte Persönlichkeit wurde und durch die Welt reiste habe ich mir Sorgen gemacht, dass ich die Verbindung zur Praxis verlieren könnte. Ich brauchte etwas ziemlich Heftiges um mich zurück zu bringen. Das Great Sky Sesshin war der erste Teil und dieser Monat, den ich in Tassajara verbringen werde, ist der Nächste.

Für diejenigen von Euch die daheim das mit verfolgen, ich werde von ungefähr dem 18. August bis ungefähr zum 14. September in Tassajara sein. Es ist Gast-Saison dort unten und ich werde für die meiste Zeit des Monats ein Arbeits-und Praxisschüler sein, bis zu dem Tag, an dem ich mich wie durch Zauberhand in einen Lehrer verwandle und ein paar Vorträge unten im Tal halten werde, bevor ich wieder in die sogenannte “reale Welt” eintauche.

Danach habe ich ein paar Auftritte in Nordkalifornien. Die sind unter diesem Link aufgelistet. Also schaut vorbei wenn ihr könnt. Dann spielen Zero Defex im Kent Stage in Kent, Ohio am 25. September. Danach halte ich einen Vortrag im Cleveland Buddhist Temple in Cleveland, Ohio. Im Oktober bin ich in New York. Ich bemühe mich ein paar mehr Sachen an der Ostküste hinzukriegen um den Vorteil zu nutzen, wenn ich schon mal in der Gegend des Landes bin. Also bleibt dran.

Ein paar Leute betreuen meinen Twitter-Account während meiner Abwesenheit. Solltet ihr das abonniert haben gibt es womöglich Updates bevor ich aus Tassajara raus bin.

Zwischenzeitlich kommt mein neuestes Buch “Sex, Sin, and Zen: A Buddhist Exploration of Sex from Celibacy to Polyamory and Everything in Between in die Läden. Aus verlässlicher Quelle weiß ich, dass es eine Ausgabe in einem Buchladen hier in Milwaukee gibt. Wenn mein Buch es schafft so tief in den mittleren Westen vorzudringen, gibt es es vielleicht auch in den Läden in deiner Nähe.

Also, sobald ich aus dem Kloster raus bin wird der Wahnsinn direkt wieder in voller Stärke beginnen. Hoffentlich hilft mir die Zeit des Rückzugs dem gelassen zu begegnen.

Ich glaube wir alle brauchen eine kleine Auszeit von der Welt. Darum nehmen Leute Urlaub. Aber ein Zen-Sesshin ist mehr als ein Urlaub. Es ist eine Zeit vertiefender Praxis, die du eigentlich auf keine andere Weise bekommen kannst. Da gibt es Sachen die dir am dritten oder vierten Tag wiederfahren, die dir nie wiederfahren würden wenn du zu Hause eine halbe Stunde sitzt.

Dennoch, diese Praxis zu Hause ist die wichtigste Sache. Es ist wie ein Zahnarztbesuch. Wenn du deine Zähne nie putzen und nur alle sechs Monate zur Zahnreinigung gehen würdest, würde der Zahnarzt auch nicht viel für dich tun können. Dasselbe gilt im Zen. Wenn du erwartest, wie einige Leute es scheinbar tun, dass du deine Zen-Praxis komplett in einer super-intensiven Woche erledigt bekommst, nun, so funktioniert das einfach nicht.

Wie auch immer, dies wird wahrscheinlich mein letzter Post für eine ganze Weile. Außer ich bleibe in San Francisco stecken, beim Warten auf eine Mitfahrgelegenheit hoch in die Berge und runter in das Tal in dem Tassajara sitzt. Also genießt die Ruhepause von all meinem Lärm so lange ihr könnt!



NACHTRAG:

Es ist wirklich interessant zu sehen wie sauer manche Leute werden, wenn ich irgend etwas bezüglich Kensho/Sataori/Erleuchtung/Erwachen etc. in Frage stelle. Sofort nach der Veröffentlichung dieses Beitrages wurde ich von den üblichen anonymen Postern bezichtigt “Zen zu lehren ohne Einsicht in (meine) wahre Natur” und “blödsinnige Scheiße daherzureden, wie ich es üblicherweise mache”. Es scheint wirklich einen Nerv zu treffen, wenn man diese Dinge in Frage stellt.

Sogar der ehrwürdige Jinzang* sagt, zu behaupten Kensho sei unwichtig, sei dasselbe wie dahinter herzujagen, nur überzogen mit einer “abgefuckten Schicht Unterdrückung darüber”.

Aber wozu die Aufregung? Wenn Kensho real ist, wen interessiert dann was ich darüber denke? Das macht es nicht weniger real. Oder doch? Sind diese Anonymen* einfach bestrebt, die armen Seelen zu beschützen, die weniger erleuchtet sind als die anonymen Blog-Poster und womöglich vom bösen alten Brad in die Irre geführt werden könnten?

In Hardcore Zen sprach ich von zwei Ereignissen, die in meinem Leben geschehen sind. Einmal lief ich zur Arbeit und auf ein Mal passte alles zusammen. All die verrückte Scheiße die mir Tim McCarthy erzählte, als ich anfing zu Sitzen ergab einen Sinn wie “Es ist mehr Du als Du es je sein könntest”. Ich kann mich nicht entsinnen wann das passiert ist. Noch nicht mal in welchem Jahr. Es geschah komplett außerhalb von Zeit und Raum so wie ich es bis dahin kannte. Es geschah jeden Tag seit Anbeginn der Zeit gibt und bis die Zeit endet. Es leuchtete durch alle lebendigen und nicht lebendigen Dinge im Kosmos.

Mein Leben wurde an diesem Tag zweigeteilt. Ich beschreibe die ganze Sache sehr detailliert in meinem Buch, also werde ich sie hier nicht wiederkäuen. Dieser Moment hat alles was ich seitdem über Zen geschrieben habe begründet. Es war ein wichtiger Tag.

Es war überhaupt nicht dramatisch. Es war völlig normal. Nichts war jemals so normal.

Es war nicht Kensho.

Ich sprach auch von einer anderen Erfahrung. In dieser sah ich meinen ganzen Körper und seine Ausdehnung durch den ganzen Kosmos verteilt. Mein Geist war der Geist Gottes. Alle Zeit war meine Schöpfung. Ich war das größte, böseste Ding das je existierte.

Diese hat mich auch amtlich abgefuckt. Und genau wie die Anonymen*, die in diesem Blog Kommentare posten, war ich furchtbar aufgebracht als Gudo Nishijima es wagte – WAGTE – mich in Frage zu stellen – MICH!!! – bezüglich der Realität dieser Erfahrung.

Und dann dachte ich mir “Warum würde der knallharte Gott selbst sich Sorgen darüber machen, was irgendein kleiner, alter Mann von ihm denkt?” Und dann aß ich eine Madarine und ließ es hinter mir. Was auch eine sehr große Sache war. Es fiel mir nicht leicht, es hinter mir zu lassen. Ich belasse es dabei. Ich ließ es schreiend und tretend und fluchend hinter mir.

Ersteres ist nicht etwas, das du in Flaschen abfüllen und verkaufen kannst. Letzteres ist das, womit Typen wie Genpo ihre Anhänger austricksen im Glauben es sei “Erleuchtung”.

Das fuckt sie im großen Stil ab.

Aber ich schweife ab.

Sollte man auch nur so etwas Ähnliches wie das Erstere zu früh und ohne angemessene Vorbereitung erfahren, ist es exakt wie eine Psychose. Es wird dich verrückt machen. Es ist keine gute Sache. Ich habe den Verdacht, dass Charles Manson vielleicht eine Erfahrung ähnlich einem wirklichen Erwachen machte, aber zu einem Zeitpunkt, an dem er nicht in der Lage war, zu verstehen, was es bedeutete.

Selbst mit so 20 Jahren Zen hinter mir hatte diese Erfahrung am Fluss einige ernsthaft seltsame Auswirkungen auf mein Leben. In dem Lied „108 Sacres Stages“ [108 Heilige Stufen] welches ich hier mal gepostet hatte geht es auch darum. So etwas passiert und du bist cool für eine Weile. Aber dann bist du so wie (jammernde Stimme) “Warum ist es nicht mehr so?” “ Was kann ich machen, damit es noch Mal passiert?”

Och, es ist schon noch da, irgendwo. Aber es hat keinen Bestand. Es ist die Grundlage für alles Sein und Nicht-Sein, inklusive meines arschigen, armseligen Lebens des auf dem Boden anderer Leute Wohnungen Schlafens; des Hoffens, dass mein nächstes Buch sich gut genug verkauft, so dass ich irgendwo anständig leben kann; des Geilwerdens und Suicide Girls Anguckens; des von Mücken gestochen Werdens und Platten Kaufens; des Bücher über Jesus Kaufens und des Hörens experimenteller elektronischer Musik aus den 50ern. Das bist auch du, ob es dir bewusst ist oder nicht.

Aber es gibt eine ganz, ganz starke Neigung die wir alle haben: Das Greifen nach Dingen, damit sie „uns gehören“. Dieser Tag war nicht meiner. “Es bleibt nicht in der Umgebung des eigenen Selbst”, wie Dogen es immer ausdrückte. Aber du hättest es gerne so. Glaube mir, DU hättest es gerne so. Unbedingt möchtest du es haben. Und ich meine genau dich. Und ich meine UNBEDINGT.

Kensho ist Nonsens.

Satori ist gequirlte Scheisse.

Und ich bin müde. Gute Nacht.

* Bei diesen Personen handelt es sich um Kommentatoren in dem englischen Blog (Anm.d.Red.)