Montag, 4. Oktober 2010

Wie komme ich dazu?

Samstag, 23. Dezember 2006



Diese Woche schrieb mir ein Leser und fragte:

Wieso schreibst du für Suicide Girls? Im Ernst, warum? Ich denke wenn ein anerkannter Zen-Lehrer für eine Softporno-Website schreibt wird das Folgen für ihn haben. Erklär uns das bitte mal, ist das deine Vorstellung von geschickten Mitteln [Upaya] oder was? Jemand wird reich damit, niedere Gelüste zu bedienen und es sieht so aus als würdest du das mit Zen unterstützen. Ich verstehe nicht wie du dazu kommst. Wen interessiert es wie viele Piercings oder Tattoos sie haben, es ist und bleibt Internetpornographie. Sie verstehen es nur besser als die meisten anderen Porno-Websites, den Leuten das Gefühl zu geben es sei in Ordnung. Ich bin sicher, deine Präsenz auf dieser Website wird vielen helfen eine einsame Nacht vor dem Bildschirm zu rechtfertigen. Wenn ich mal anmaßend sein darf, biete ich dir einen Titel für einen Blogeintrag an: „Nimm die Hände von deinem Schwanz und halte sie so, dass sich deine Daumen leicht berühren!“

Als ich hier zu schreiben anfing, erwartete ich einen Haufen solcher Reaktionen. Aber bis jetzt habe ich noch nicht sehr viele bekommen. Ein Typ verglich mein Schreiben für Suicide Girls damit als hätte Shunryu Suzuki in den Siebzigern für Hustler geschrieben. Ich finde das ein bisschen überzogen. Aber da es vielleicht noch ein paar andere gibt die so denken, wenn auch nicht unbedingt mit ganz so viel Dramatik („Ich verstehe nicht wie du dazu kommst?“ Mann, sitz ein bisschen Zazen, entspann dich…), dachte ich, ich antworte mal darauf.

Was den Vorwurf angeht, jemand würde reich indem er niedere Gelüste bedient: Viele Leute werden reich indem sie niedere Gelüste bedienen. Und viele Leute wären arbeitslos wenn das nicht so wäre. Wenn sich etwas verkauft, ist das ein Hinweis darauf, dass die Menschen eben diese Seite ihres kollektiven Bewusstseins entdecken wollen. Ich habe viel größere Probleme damit, welche niederen Gelüste in manchen buddhistischen Magazinen bedient werden, als mit denen hier. Wenn ich Anzeigen für „Sofortige Erleuchtung-Seminare“ oder „Meditationsgeräte“ sehe frage ich mich, ob alles was ich über Buddhismus sage als Unterstützung für diesen Müll gewertet wird. Hier kann ich wenigstens einigermaßen sicher sein, dass die meisten Leser nicht glauben, ich würde nackte Brüste anpreisen – nicht dass ich irgendwelche Probleme mit nackten Brüsten hätte. Es ist einfach nur so, dass es keine unmittelbare Assoziation zu den anderen Sachen gibt die Suicide Girls verkaufen, wie es sie bei Maschen gibt, die sich selbst „Buddhismus“ nennen. (Was nicht bedeuten soll,dass alles oder auch nur ein großer Teil von dem was als „Buddhismus“ bezeichnet wird Betrug ist. Aber es gibt solche Maschen.)

Unterstütze ich Internet-Pornographie durch Zen” oder „rechtfertige ich viele einsame Nächte vor dem Bildschirm“? Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung was das heißen soll. Wenn jemand von mir die Zustimmung dazu erwartet, dass er masturbiert, dann verstehe ich das nun wirklich nicht. Ich fragte meinen Lehrer was er von meinem Schreiben für SG hält, und er sagte: „Ich denke es ist eine gute Entscheidung diesen Job anzunehmen. Ich sehe keinerlei moralische Probleme darin (in den Bildern auf SG). Ich habe nur gesehen ob sie schön sind oder nicht. Ich denke wir sind für gewöhnlich von altmodischen religiösen Kriterien beeinflusst. Aber auf der Basis des Buddhismus scheint ein Kriterium zu existieren, dass das was moralisch ist, auch schön ist, und was schön ist, ist auch moralisch. Auch wenn mir diese Vorstellung noch nicht besonders gefestigt scheint, denke ich, dass es bestimmte Kriterien gibt, um Moral und Schönheit im Buddhismus zu identifizieren.“ Bilder von nackten Frauen sind ein Teil der künstlerischen Ausdrucksfähigkeit der Menschen – buddhistische Kunst eingeschlossen- seit sich Menschen überhaupt künstlerisch ausdrücken können. Kommt also damit klar.

Ich fühle mich gut dabei für SG zu schreiben, weil ich hier mehr so sein kann wie meiner Meinung nach ein buddhistischer Lehrer sein sollte. Sieh mal: Ich bin eine Person die immer das Gegenteil von dem machen will, was die meisten Leute in einer bestimmten Situation tun würden. Sogar als ich Hardcore Punk machte weigerte ich mich, meine Haare kurz zu schneiden weil ich es so gerne sah, wie sauer vermeintlich „unangepasste“ Punks wurden, wenn sich jemand nicht völlig an ihre Gesellschaft anpasste. Wenn ich in einem Zimmer bin, das voll mit aufgeblasenen Möchtegern-Buddhisten ist, die alle auf Reinheit von Geist und Herz machen, dann will ich mir die Klamotten vom Leib reißen, meine Bassgitarre an ein paar Lautsprecher anschließen und ihnen ihr aufgesetztes Lächeln aus dem Gesicht pusten. Dieser ganze kitschige Heiteitei-wir-ham-uns-alle-lieb-Scheiß lässt mich würgen. Aber wenn ich mit lauter Punk-Rock-Freaks rumhänge bin ich der Typ der von Stille und Ausgeglichenheit spricht. Cool.

Ich habe schon lange das Gefühl dass der Buddhismus auf dem Schrotthaufen „Hippie-Philosophien die schon in den Sechzigern nicht funktioniert haben, wozu sich jetzt noch um sie kümmern“ gelandet ist, weil er so unheimlich schlecht vermittelt wurde, vor allem von Leuten die nicht die geringste Ahnung davon haben. Es geht nicht um einen mystischen Ruhezustand, der nur den wenigen von uns zugänglich ist, die sich von ihren grundlegendsten Verlangen befreit haben. Buddhismus ist für alle da. Er ist für was und wer du hier und jetzt bist, mit allen Warzen, Tattoos und Nacktbildern auf deiner Festplatte für die einsamen Nächte und allem anderen.


Link zum Originaltext:

http://suicidegirls.com/news/culture/19712/Brad%20Warners%20Hardcore%20Zen%20How%20Have%20I%20Come%20To%20This/


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