Montag, 13. September 2010

Dein Leben gehört nicht dir

Montag, 17. September 2007


Letzte Woche war ich in Boulder, Colorado wo die Leute lange mit ihrem Sushi-Koch darüber diskutieren, ob die Makrelen- und Tintenfischhäppchen die serviert werden auch aus nachhaltiger Fischerei stammen. Ich bin aus Akron, Ohio, wo die wahrscheinlichste Unterhaltung mit einem Sushi-Koch so klingt: „Nehmen Sie das zurück, das ist ja alles noch roh!“ Wenn die meisten von euch das hier lesen, werde ich auf dem Weg zurück nach Japan sein, um herauszufinden was zum Geier mit der Firma los ist für die ich arbeite. Danach werde ich einen viertägigen Retreat leiten.

Als ich in dem Sushiladen in Boulder saß – wo sich die Leute über nachhaltige Fischerei Gedanken machen – sah ich draußen auf der Straße einen Typen betteln. Es gibt massig Bettler in Boulder. Fast alle sind jung, weiß, gesund und sehen ganz so aus als ob sie das von dir erbettelte Kleingeld nur für Freizeitdrogen ausgeben. Eben dieser weiße Bettler, der nicht ganz so jung wie die meisten anderen war, hatte in der Vergangenheit – vielleicht sogar in jüngster Vergangenheit -- offensichtlich ein paar harte Drogen genommen und seinem Körper ernsthafte Verschleißerscheinungen verpasst. Er fing an sich mit seinen Kumpels ziemlich zu zoffen und ich behielt ihn im Auge, um sehen zu können, ob er sich irgendwann auf die Terrasse des Restaurants zubewegen würde, wo ich saß. Schließlich ging er irgendwohin die Straße runter.

Diesen Typen zu sehen machte mir klar, dass mein Leben nicht wirklich mir gehört. Wir alle bilden uns ein unser Leben und unser Körper seien unser Eigentum um damit zu machen was uns beliebt. Wir meinen solange wir nichts Ungeheuerliches tun wie etwa unseren Nachbarn abzustechen oder in der örtlichen Grundschule Amok zu laufen geht es niemanden was an was wir mit uns selbst tun. Aber ich frage mich ob das wirklich stimmt.

Als dieser Landstreicher sich mit Alkohol, Drogen und wer weiß was noch in diesen Zustand versetzte dachte er wahrscheinlich, “Scheiß doch auf den Rest der Welt! Ich lebe mein Leben so wie ich will!“ Natürlich kann ich nicht seine Gedanken lesen. Aber ich weiß dass ich den Großteil meines Lebens so fühlte. Wenn ich mir LSD reinpfeifen wollte, dann habe ich mit meinem eigenen Hirn Scheiße angestellt und niemand hatte das Recht mir zu sagen ich sollte das lassen. Wenn ich die ganze Nacht durchfeiern wollte, war ich derjenige der am nächsten Tag mit den Konsequenzen klarkommen musste. Also scheiß auf jeden der irgendeine Meinung dazu hatte. Wenn ich Junkfood essen wollte anstatt auf meine Gesundheit zu achten, dann war es mein eigener Körper. Und das ging niemanden sonst was an.

Aber heute fange ich an, diese Einstellung zu bewzeifeln.

Klaro: Wenn sich Leute auf bestimmte Art und Weise kleiden oder sonstwie speziell aussehen wollen, hat die Gesellschaft nicht das Recht ihnen das zu verbieten. Nur weil jemandem deine Tätowierungen nicht gefallen heißt das nicht, dass du sie entfernen musst. Und nur weil jemandem dein Iro(kesenschnitt) nicht gefällt heißt das nicht, dass du dir eine Ulrich Wickert-Frisur zulegen musst. Wen du als deinen Lebensgefährten aussuchst geht niemanden etwas an – ausser deinen Partner natürlich. Deine Entscheidung ob du eine Abtreibung vornehmen lässt oder eine konservative Partei wählst ist sehr persönlich und du musst niemanden anders um Rat fragen.

Es ist ebenfalls nicht deine Pflicht jeden dem du begegnest zufriedenzustellen. Die meisten Leute sind so dermaßen verpeilt, dass sie nicht die geringste Ahnung haben was sie wirklich brauchen oder wenigstens was sie wirklich wollen. Trotzdem bestehen sie darauf, dass andere ihre verrückten Vorstellungen befriedigen, was das Leben ihnen ihrer Meinung nach schuldet. Das Leben schuldet euch gar nichts Leute. Aber ich begegne dieser Einstellung andauernd in meiner Funktion als Zen-Lehrer. Die Leute haben viele seltsame Vorstellungen was ich tun oder sagen sollte und haben keine Hemmungen von mir zu verlangen die Rolle zu spielen, die sie mir zugedacht haben. Ich bin sicher das kommt euch bekannt vor. Wir alle kennen das. Tut mir leid, Freunde. So läuft das nicht.

Aber trotzdem merke ich an: Dein Leben gehört nicht dir allein. Das ist so offensichtlich, dass es eigentlich unnötig ist, es extra zu sagen. Deswegen nehme ich keine Drogen. Wenn ich mich zudröhne, verlange ich vom Rest der Welt auf mich aufzupassen. Ich kann dann nicht Auto fahren. Ich kann den kleinen Schlitz vorne an meiner Unterhose nicht finden. Und am wichtigsten: Wenn plötzlich irgendein Notfall eintritt bin ich völlig nutzlos. Ich drücke mich um meine Pflichten als Mensch nur für einen kleinen Kick. Wenn ich meinen Körper nicht in Form halte, beeinträchtige ich andere Leute. In einem Bus oder Flugzeug brauche ich mehr Platz als mir eigentlich zusteht. Ich fühle mich schnell angepisst weil mein Körpergefühl immer schlecht ist und ich nicht klar denken kann. Wenn ich wütend werde oder anderweitig überreagiere ist das niemals meine Privatangelegenheit. Ich trage die Wut durch mein impulsives Handeln in das Leben anderer. Denn wenn du wütend bist handelst du niemals, niemals angemessen. Niemals. Wenn ich depressiv werde, zwinge ich andere mit meiner trüben Laune klarzukommen. Wenn ich abgelenkt werde, überfahre ich möglicherweise die Nachbarskatze.

Das ist auch ein Grund warum ich Zazen praktiziere. Ich entdeckte, dass mein Körper und mein Geist durcheinander waren wenn ich es nicht tat. So durcheinander, dass ich mich anderen Leuten gegenüber nicht angemessen verhalten konnte. Durch diese Praxis begann ich klar zu sehen, dass ich nicht mir selbst gehöre. Ich bin ein Ausdruck des Universums und an die Pflicht gebunden, die Verantwortung für alles zu übernehmen mit dem ich in Berührung komme. Und alles womit ich in Berührung komme ist alles im Universum.

Sieh mal. Du bist ein Arschloch. Ernsthaft. Ein komplettes Arschloch. Du hast keine Ahnung was du bist oder was du tun solltest. Trotzdem gehst du mit der gesamten Schöpfung so um als wäre es irgend ein Billigspielzeug das dir der Weihnachtsmann gebracht hat, das du nun kaputtmachst und so lange heulen wirst bis er dir ein neues bringt. Die Regale im Laden sind schließlich vollgestopft mit Millionen anderen. Du brüllst und schreist dir um drei Uhr morgens die Seele aus deinem hässlichen Hals und weckst damit alle Bewohner in der Straße auf. Du drehst deine idiotische Musik bis zum Anschlag auf um allen zu zeigen wer du wirklich bist. Du donnerst mit deiner Harley volle Pulle den Sunset Boulevard runter. Du träumst von einer Kiste voll Erleuchtung die du von irgendeinem dummschwätzenden Zen-Meister kaufen kannst, um sie dann im Auto liegen zu lassen während du was anderes kaufst. Du hängst in kitschigen Meditationsseminaren rum und hoffst, irgendein genialer Guru wird dich zum Licht führen, und du bezahlst ihm gutes Geld für Wegwerffantasien. Du bist nutzlos. So richtig scheiße nutzlos. Das Universum gehört dir und alles was du tun willst ist deinen Namen mit Sprühfarbe an die Wand zu malen. Du bist wie ein Hund der an einen Zaun pisst. Keiner der deine Markierung an der Welt sieht wird sich auch nur einen Scheißdreck darum kümmern.

Aber sitze ganz ruhig und sogar ein Haufen Gibbonscheiße wie du kann es sehen. Es gibt niemanden im Universum außer dir. Du reichst bis hin zu den entferntesten Galaxien. Und das ist nur der Anfang. Deine Gedanken sind allesamt schwachsinnig. Deine Vorstellungen sind völlig falsch. Du kannst nirgendwo anders sein als hier. Es gibt für dich nichts zu wissen, was wert zu wissen wäre. Du hast keine Zukunft oder Vergangenheit und wirst trotzdem immer hier sein. Und deswegen bist du Gottes Augen und Ohren in dieser Welt.

Sei ein bisschen aufmerksamer, Arschkrampe.


Link zum Originaltext:

http://suicidegirls.com/news/culture/22297/Brad Warners Hardcore Zen Your Life is Not Your Own Sorry/

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