Sonntag, 5. September 2010

Das Zölibat - ein guter Rat?

Montag, 15. Dezember 2008

Am 28. November [2008] hat Seine Heiligkeit der Dalai Lama* für Schlagzeilen gesorgt, indem er sagte das Zölibat sei gut. Muss ein Tag mit sehr lahmen Nachrichten gewesen sein.

Was er wirklich sagte – auf Englisch ohne Dolmetscher, daher die putzig verdrehte Grammatik – war: “Sexueller Genuss, sexuelles Begehren, ist ich denke eine kurzzeitige Befriedigung und oft es sorgt für mehr Schwierigkeiten. Natürlich als menschliches Wesen … kommt das Verlangen nach Sex, aber wenn man seinen Verstand benutzt sieht man, dass diese Paare andauernd voller Probleme. Und in manchen Fällen gibt es Selbstmord und Mordfälle.” Über Zölibat sagte er „wir verpassen etwas, aber zugleich, vergleiche das ganze Leben, ist es so besser, mehr Unabhängigkeit, mehr Freiheit. Zu viel Anhaftung an deine Kinder, an deinen Partner (ist) ein Hindernis oder eine Hürde von der Geistesruhe.“

Natürlich hat er Recht. Sex ist kompliziert. Sich dessen zu enthalten bewahrt dich vor solchen Schwierigkeiten. Da es nicht unbedingt notwendig ist, Sex zu haben – d. h. du, als Individuum, kannst ohne Sex leben – ergibt es rational gesehen Sinn es einfach bleiben zu lassen.

Wenn es doch nur so einfach wäre! Aber Sex ist in vielerlei Hinsicht eine verzwickte Angelegenheit. Religionen versuchen immer eine einzige Regel oder Formel anzubieten, die für alle Menschen in allen Situationen funktioniert – vom heiligen Bund der Ehe bis zu frommer Enthaltsamkeit. Die Hare Krishnas, nur um ein Beispiel zu geben, versuchen es mit einer Mischung aus beidem. Sie erlauben Sex zur Zeugung von Krishna-bewussten Kindern und nur nachdem das Paar für ein paar Stunden gesungen hat, um sicherzustellen das die schmutzige Sache auch ausreichend rein sein möge. Ich glaube nicht, dass diese Praxis sich jemals weit verbreiten wird. Jedenfalls wird niemand kann nur sich jemals eine einzige Regel zum Umgang mit Sex ausdenken, die für jeden zufrieden stellend funktioniert.

Ich habe auf diesen Seiten hier viel geschrieben über den buddhistischen Leitsatz „Betreibe keinen Missbrauch der Sexualität.“ Mein Lehrer formuliert das eher so: „Begehre nicht zu viel.“ Bodhidharma, der Mönch aus dem 5. Jahrhundert, der traditionell als der Begründer des Zen gesehen wird, sagte: „Es gibt nichts zu erfassen. Anhaftung nicht entstehen zu lassen ist das Gebot Sexualität nicht zu missbrauchen.“

Der Leitsatz ist absichtlich so ungenau. Die Menschen die ihn formuliert haben, hatten bereits gesehen, welchen Schaden religiöse Führer anrichteten, die versuchten, absolute, harte und schnelle** Regeln für Sexualität aufzustellen, die immer und überall angewandt werden konnten. Also haben sie einfach anerkannt, dass Sexualität missbraucht werden kann, dass dieser Missbrauch Probleme verursacht und dass praktizierende Buddhisten besser dran wären, wenn sie gelobten sie es nicht zu missbrauchen. Nur was unter diesem konstruierten „Missbrauch“ genau zu verstehen war, wurde der individuellen Auslegung überlassen.

Oder auch nicht. Auch Buddhisten sind manchmal nicht so schlau wie sie sein sollten. Es gab eine frühe buddhistische Schule die versuchte genau festzulegen, was nun Missbrauch von Sexualität war und was nicht. Sie schufen eine endlos lange und ausführliche Liste mit Regeln. Mein Liebling ist die Regel die besagt, dass es kein Missbrauch von Sexualität ist, wenn eine Frau Sex mit einem Mönch hat während er schläft und er nicht realisiert was abgeht. Es ist so offensichtlich, dass da eine Geschichte dahintersteckt! Ich bin sicher, irgendein arschiger Priester hat das als Entschuldigung benutzt – „Ich habe die ganze Zeit geschlafen! Ich schwöre!“ – und schon wurde es in die Schriften aufgenommen.

Zölibat scheint die ultimative Lösung zu sein. Man kann Sexualität nicht missbrauchen wenn man keinen Sex hat. Oder doch? Mein erster Zen-Lehrer meinte, dass Ficken manchmal der beste Weg sei, den Missbrauch von Sexualität zu vermeiden. Es mag Gelegenheiten geben, in denen sich einmal schnell im Heu wälzen der beste und sinnigste Weg wäre, um größere Probleme abzuwenden. Ich denke jedes mal über so was nach, wenn ich mal wieder davon höre, wie ein angeblich enthaltsamer Glaubensmann einen Messdiener befummelt hat. Es erscheint mir sehr gut möglich, dass ein Kind weniger für sein Leben traumatisiert wäre, würden wenn einige dieser Typen es einfach mal mit einem willigen Mädchen angemessenen Alters treiben würden, oder vielleicht mit einem ihrer Glaubensbrüder, wenn sie so gestrickt sind.

Aber was ist nun mit echtem Zölibat? Was ist mit jemandem der nicht nur sagt, dass er keinen Sex hat, sondern auch wirklich und wahrhaftig in keiner Form Sex hat? Die frühen buddhistischen Sekten, die ich eben erwähnt habe, verboten sogar Selbstbefriedigung. Ich sage: Schön für sie! Wenn sie damit klarkommen. Ich glaube ich selbst könnte das nicht. Mein Kopf würde sich so sehr mit dem Gedanken an heiße nasse Mösen anfüllen, dass ich eine Bedrohung für die Gesellschaft wäre. Wenn du so besessen von Sex bist, dass du nicht mehr klar denken kannst, wem nützt du noch was? Klar, vielleicht gibt es Leute die nicht so sind, und falls das stimmt dann nur zu! Aber ich bezweifle, dass jemand mit so viel Selbstbeherrschung meine Erlaubnis braucht oder sich auch nur ansatzweise um meine Meinung kümmert.

Auf der Gegenseite des Zölibats gibt es Zeugs wie Polyamorie. Polyamorie klingt für mich wie eine Garantie für ein stresserfülltes Leben – und nur weil jemand seinen Stress so gut unterdrückt, so dass er ihn nicht bewusst wahrnimmt, heißt das noch lange nicht, dass er nicht da ist. Glaub mir, ich fände es fantastisch wenn es nicht so wäre. Machst du Witze? Wenn ich dächte ich könnte wen auch immer ich wollte bumsen und alle würden das ganz locker nehmen, wäre ich jetzt sofort da draußen beim Whirlpool in einem schwarzen Latex-Schwimmanzug und Lederchaps.

Leider kann ich solche Fantasien nicht akzeptieren. Ich finde Sex ohne Durcheinander ist wie das Monster von Loch Ness. Es wäre echt cool wenn es das wirklich gäbe. Und hin und wieder tauchen extrem verlockende Hinweise auf, dass es vielleicht so ist. Aber wenn immer wenn du die Hinweise objektiv betrachtest fällt alles auseinander.

Sex schafft Anhaftung. Daran führt kein Weg vorbei. Das heißt nicht, dass Sex schlecht ist. Anhaftung ist einfach ein Teil des Lebens. Nur weil ein bärtiger Blödmann im Bademantel, den du auf dem Burning Man getroffen hast, behauptet im Buddhismus ginge es darum sich von allen Anhaftungen zu lösen, heißt das nicht, dass es auch stimmt. Sicher, je weniger starke Anhaftungen du hast, desto einfacher ist dein Leben. Aber niemand kann ohne irgendwelche Anhaftungen durchs Leben gehen. Du wirst in jedem Fall einen gewissen Grad an Anhaftung an jemanden entwickeln, mit dem du Körperflüssigkeiten austauschst. Und nur weil du denkst du wärst so lässig, dass dir Dinge wie Verbindlichkeit oder Fremdgehen, Eifersucht oder was auch immer niemals in den Sinn kämen, heißt das nicht, dass es deinem/n Partner/n auch so geht. Oder sogar dass es dir nicht so geht. Diese Sachen laufen auf einer tieferen Ebene dort ab, wo bewusstes Denken nicht hinkommt. Es ist eine sehr schlüpfrige Angelegenheit in vielerlei Hinsicht.

Trotzdem habe ich nicht das kleinste bisschen Interesse daran, irgendwen davon zu überzeugen, so zu leben wie ich es für richtig halte. Ich habe keine moralischen Einwände gegen was auch immer die Leute in ihren Schlafzimmern machen – oder Küchen oder dunklen Gassen oder sonstwo.

Aber in einem gewissen Umfang berührt es mich schon wie Leute ihr Sexleben gestalten. Es berührt uns alle. Je weniger Leute herumrennen, die von ihrem Sexleben völlig gestresst sind, desto besser ist das für alle. Sie werden nicht so sehr damit beschäftigt sein, ihre sozialen Kontakte auszuknobeln, dass sie mit ihren Autos in die Leitplanken krachen und für Stunden den Verkehr verstopfen. Sie werden nicht so unter sexuellem Druck stehen dass sie Hotels in Mumbai angreifen. Solche Sachen. In dieser Hinsicht würde ich es gern sehen, wenn ein paar mehr Leute mehr Sorgfalt darauf verwenden würden, wie sie mit ihrer Sexualität umgehen. Wenn sie mir dann mal begegnen wären sie ein wenig entspannter.

Ich vermute das ist die Wurzel aller religiösen Beschränkungen für Sex in aller Welt. Die Menschen in ferner Vergangenheit suchten einfach nach Möglichkeiten, mit diesem neuen Ding namens „Gesellschaft“ umzugehen. Sie wussten dass sexuelle Interaktion Verstrickungen ins Leben ruft. Am Tag nachdem der Höhlenmensch Og das Weib von Höhlenmensch Ugum gebumst hatte, fingen sie an sich gegenseitig mit Steinen zu bewerfen und im Steinzeitdorf brach die Hölle los. Man musste etwas tun, also stellte der Häuptling eine Regel auf. All das Moralisieren und die Drohung im Höllenfeuer zu schmoren wurden später einfach drangetackert als zusätzlicher Anreiz für die leichter Beeinflussbaren, um das zu tun, was am besten geeignet schien die Dinge zivilisierter ablaufen zu lassen.

Der Dalai Lama gibt zu, dass die Enthaltsamkeit von Sex bedeutet, bestimmte Seiten des Lebens zu verpassen. Er scheint mit der Vorstellung zufrieden zu sein, dass diese Dinge ja eh nicht viel wert sind. Du könntest es anders sehen. Vielleicht suchst du ja auch nicht nach wilden Nächten voll entfesselter Leidenschaft. Vielleicht willst du heiraten, eine Familie gründen und all dieses nette Zeug. Das ist gut. Ich bin mir sowieso nicht so sicher dass ob die Lösung des Dalai Lama so einfach und sauber ist, wie er denkt. Ich habe mit genug Mönchen rumgehangen und um zu wissen, dass all dieser Scheiß von wegen Emotionen und Anhaftung, dem sie entgehen, indem sie keine Familien haben, sich dann nur auf die Ersatzfamilie der anderen Mönche mit denen sie zusammenleben überträgt. Wie ich bereits sagte, es gibt keine einfache Lösung für solche Sachen die immer und für jeden funktioniert.

Wie auch immer, schlussendlich ist es nicht so wichtig was der Dalai Lama denkt und es ist sicher noch weniger wichtig was ich denke. Schlussendlich geht es darum was für dich am wichtigisten ist. Ich würde nur sagen, ich habe herausgefunden, dass es für die meisten Leute am wichtigsten ist, ein so stabiles Leben wie möglich zu führen. Wenn du begreifst, dass du das willst, musst du mit Sex vorsichtig umgehen. Es setzt eine ganze Menge in Bewegung, ob du dir das nun eingestehst oder nicht. Sei aufmerksam und sei bereit Dinge zu akzeptieren, die du nicht wirklich akzeptieren willst. Das ist der Rat den ich mir selbst immer gebe.

* Nur zu deiner Information: Der Dalai Lama spricht nicht für alle Buddhisten, noch behauptet er das. Er ist das Oberhaupt einer ganz bestimmten Sekte des tibetischen Buddhismus. Ich habe in dieser Sekte niemals gelernt oder praktiziert und weiß herzlich wenig über sie.

** Hihi! Ich habe „hart und schnell“ gesagt.

Link zum Originaltext: http://suicidegirls.com/news/culture/23455/

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Ein ziemlich langer Text. Ich denke, Sex wird hier sehr isoliert betrachtet. Es ist hier wie bei jeder anderen menschlichen Gewohnheit, wie bei jedem anderen Bedürfnis: Die eigene Lebenspraxis und das soziale Umfeld prägen das Denken. So gibt es manche, die denken, ohne Sex ist das Leben nicht wirklich echt und andere, die sehr wohl darauf verzichten können. Und die einen können die anderen nicht verstehen. Aber beides kann ok sein.