Montag, 12. Januar 2009

Buddhismus ist nichts Spirituelles


 
Ich habe mir einige Kommentare zu meinem letzten Artikel für Suicide Girls angesehen und glaube den Grund gefunden zu haben, warum ich hier für so viel Verwirrung gesorgt habe. Wenn ich über Religion und die religiöse Sichtweise schreibe, nehmen viele Leser anscheinend an, dass ich den Buddhismus dazu zähle. Das tue ich nicht. Auch wenn Bücher über den Buddhismus, meine eigenen eingeschlossen, normalerweise in die Abteilung "Religion" gestopft werden, so ist der Buddhismus doch etwas ganz Anderes als eine Religion.

 
Wenn man das sagt, reagieren die Leute meistens mit "OK, dann ist der Buddhismus eine Form der Spiritualität." Spiritualität wird meistens als etwas gesehen, das besser ist als Religion. Sie existiert außerhalb von Zwängen der durchorganisierten Formalität religiöser Institutionen. Sie ist eine persönliche Beziehung zu deiner spirituellen Natur.

 
Das ist schön. Aber der Buddhismus ist keine Form der Spiritualität.

 
Überall auf der Welt war die Geschichte der Philosophie ein Kampf zwischen zwei grundlegenden Denkrichtungen - Idealismus und Materialismus. Spiritualität ist eine Art des Idealismus. Sie vertritt die Ansicht, dass die geistige Welt, die Welt der Ideen, Vorstellungen und Geisteszustände die wahre Wirklichkeit ist. Materie kommt bestenfalls an zweiter Stelle oder wird sogar als nicht vorhanden angesehen. Wir sind Geistwesen, die in Körpern ausschwabbeliger Materie gefangen sind - manche Körper sind sehr viel schwabbeliger als andere - und der Weg zum Glück besteht darin, sich aus der materiellen Welt und ihrem Elend zu befreien. Viele östliche Philosophien lehren: "Ich bin nicht dieser Körper. Ich bin die Seele darin." Das ist nicht die buddhistische Sichtweise. Aber dazu komme ich gleich noch.

 
Auf der anderen Seite sieht der Materialismus Materie als maßgeblich an. Eine geistige Ebene gibt es entweder nicht oder sie ist unwichtig. Materialismus lehrt, dass das, was wir für unsere Seele halten nichts weiter als die Aktivität einer hoch komplizierten biologischen Maschine ist. Wir sind alle nur Tiere. Radikale Materialisten gehen so weit zu sagen der einzige Weg glücklich zu sein sei so viel Geld, Sex und Macht zu bekommen wie nur möglich. Es gibt keine Seele. Es gibt kein Leben nach dem Tod. Es gibt keinen Gott.

 
Buddha folgte beiden Denkrichtungen und befand beide für mangelhaft. Er wurde als Prinz geboren und verbrachte den ersten Teil seines Lebens mit der praktischen Erprobung des Materialismus. Er hatte alles, was er sich nur wünschen konnte - Geld, scharfe Frauen, Macht. Aber damit war er nicht zufrieden. Also zog er los, um zu sehen, ob das Glück in einer völlig gegensätzlichen Lebensweise zu finden wäre. Er widmete sich verschiedenen spirituellen Praktiken und erreichte ihre höchsten Ziele. Er hatte einen wahnsinnigen geistigen Höhenflug, aber dabei zerstörte er fast seinen Körper. Das war nicht das, was er wollte. Er fand den Mittleren Weg erst, als er beide Extreme ablehnte und begann die Philosophie zu lehren, die heute seinen Namen trägt.

 
Der Buddhismus geht von der Grundvoraussetzung aus, dass weder Materialismus noch Idealismus richtig ist. Im Herz-Sutra steht: "Form ist Leere, Leere ist Form". Mit anderen Worten, Materie ist Geist, Geist ist Materie. Entschuldige Sting, aber wir sind keine Geistwesen in der materiellen Welt. Vielmehr ist die erfahrbare, subjektive, spirituelle Innenwelt unseres alltäglichen Lebens und die harte, objektive, materielle Außenwelt in der wir leben ein und dasselbe. Das ist eine sehr radikale Vorstellung. Sogar heute, 2500 Jahre nachdem Gautama das zuerst feststellte, können das nur wenige Leute akzeptieren. Sogar Leute, die sich selbst Buddhisten nennen, glauben all zu oft, dass der Buddhismus eine Form der Spiritualität ist.

 
Auch wenn der Buddhismus nicht spirituell ist, ist er keinesfalls materialistisch. Buddhismus ist Realismus. Heutzutage neigen die Leute dazu anzunehmen, dass Realismus und Materialismus dasselbe ist. Wenn sie das Wort "Realität" benutzen beziehen sie sich dabei auf die materielle Welt, wie sie uns von der Wissenschaft erklärt wird. Aber das ist nicht das, was Buddhisten mit "Realität" meinen. Die materialistische Sichtweise ist auch nichts weiter als eine Vorstellung.

 
Nun, Materie gibt es zweifelsfrei wirklich. Aber das Problem ist, dass unser Verständnis von Materie vielleicht nicht richtig ist. Die meisten Leute glauben, Materie existiere zuerst, und weil es sie gibt, kann man mit den Sinnen auch etwas wahrnehmen. Sowohl Idealisten wie auch Materialisten neigen zu dieser Vorstellung. Der Computer vor dir besteht aus Materie und existiert wirklich. Genauso wie deine Stirn. Wenn du deine Stirn auf den Computer donnerst, tut das weh. Die subjektive Wahrnehmung von Schmerz ist das Ergebnis der objektiv feststellbaren Kollision der Materie deiner Stirn mit der Materie des Computers. Buddhistische Philosophen wie Dogen, Nagarjuna und Buddha selbst drehen den Spieß um und setzen Sinneswahrnehmung an den Anfang. Weil unsere Sinne auf bestimmte Weise stimuliert werden, nehmen wir an, dass es Materie gibt. Es ist eine Sicht der Welt, die völlig anders ist als das, was wir gewohnt sind.

 
Die Wissenschaft ist eine sehr gute Art, um die materielle Seite der Wirklichkeit zu untersuchen, also müssen wir die Wissenschaft akzeptieren (jedenfalls echte Wissenschaft). Aber Dogen, der Typ der die buddhistische Schule gründete, in der ich lerne und praktiziere, sagte, dass das Universum in all seinen Richtungen nur ein kleiner Bruchteil der Realität ist.

 
Das heißt nicht, die materielle Welt ist hier und irgendwo da draußen im unendlichen Weltraum gibt es ein anderes, noch größeres Universum, das aus etwas Anderem besteht. Dogen sprach von unserer alltäglichen Erfahrung. Die materielle Seite unserer Erfahrung ist nur ein kleiner Teil unserer Existenz.

 
Weiterhin erleben wir geistige Wahrnehmungen niemals getrennt von unserem Körper oder umgekehrt. Die Vorstellung, dass es die eine Seite gibt, die andere aber nicht stimmt nicht mit unserer wirklichen Erfahrung überein.

 
Wir bewegen uns andauernd zwischen Materialismus und Idealismus hin und her. Wenn uns der Materialismus nicht zufrieden stellt, versuchen wir es mit Idealismus, wenn uns der Idealismus hängen lässt, gehen wir zurück zum Materialismus. Hier und heute [USA] können wir beobachten, wie das mit unserem gesamten Kulturkreis passiert. Vor hundert Jahren schien es so, als würde der Materialismus eines Tages alle Probleme der Menschheit lösen. Zwar genießt selbst die Mehrzahl der Ärmsten von uns Wohlstand und Komfort, wie ihn sich unsere Vorfahren nicht hätten erträumen können. Dennoch konnte der Materialismus viele unserer grundsätzlichsten Bedürfnisse nicht erfüllen. So treibt unser Kulturkreis wieder zurück auf den Idealismus zu, in der Hoffnung er möge uns die Erfüllung bringen, die wir suchen. Was wir als eine Kultur aber vergessen haben ist, dass der Idealismus uns bereits hängen gelassen hat. Deswegen sind wir ja überhaupt erst so materialistisch geworden.

 
Viele Leute sehen den Buddhismus als spirituelle Antwort auf unsere materiellen Übel. Aber wenn der Buddhismus nur eine weitere Form der Spiritualität ist, dann ist er so wertlos wie jede andere Religion. Wir brauchen etwas Anderes.

 
Alle mir bekannten Formen von Religion, Philosophie, Sucht oder anderen Methoden, die uns helfen sollen damit klarzukommen, was das Leben uns zumutet sagen uns: "Du fühlst dich unerfüllt? OK. Versuch das. Es wird dir Erfüllung bringen." Materialismus funktioniert eine Zeit lang. Aber sobald du etwas gekauft hast, ist der Kitzel des Kaufs vorbei und du willst etwas Anderes kaufen. Spiritualität kann dir zu einem großen, wahnsinnigen Höhenflug verhelfen. Aber leider wirst du immer wieder runterkommen.

 
Der Buddhismus verspricht nicht, unsere Wünsche zu erfüllen. Stattdessen sagt er "Du fühlst dich unerfüllt? Das ist OK. Das ist normal. Jeder fühlt sich unerfüllt. Du wirst dich immer unerfüllt fühlen. Es ist kein Problem sich unerfüllt zu fühlen. Tatsächlich ist es so: Wenn du lernst es richtig zu sehen, ist dieser Mangel an Erfüllung das Beste, was du überhaupt erleben kannst." Das ist die realistische Sichtweise.

 

Freitag, 9. Januar 2009

Brad kommt nach Deutschland - Hardcore Zen Deutschland

Brad Warner wird im August nach Deutschland kommen. Die Chance für Dich, dabei zu sein!
Seine Stationen werden wohl Süddeutschland, Frankfurt (21.-23.8.?!?), Leipzig und Berlin sein. Es wird vorraussichtlich Sesshins und Vorträge geben.
Jetzt kommt es auf Deine Unterstützung an. Melde Dich in unserer Googlegruppe an: http://groups.google.de/group/hardcore-zen-germany Dort tauschen wir uns aus.
Ein weiteres Thema, was insbesondere mir schon länger am Herzen liegt, ist eine bessere Vernetzung und Organisation seiner Anhänger hier. Deswegen schlage ich die Gründung eines Vereins vor, der ebendies, die Übersetzung seiner Bücher, die nachhaltige Organisation von Sesshins und Vorträgen im deutschsprachigen Raum zum Gegenstand hat. Näheres folgt. Wichtig ist mir auch hier: Interessenten vor. Der Verein wird den Leuten vor Ort Freiheiten lassen, aber für eine gesunde finanzielle Basis sorgen. Vielleicht so fünf Euro im Monat. Damit lässt sich dann durchaus mal was bewegen.
Also, do it yourself!
Rock on!
Christoph